Bölüm 1
**Kapitel 1 Der tote Patriarch**
Nebel kroch wie kalter Atem über das knisternde Laub der alten Eichenallee. Das Herrenhaus rieb sich in dichten Schatten, seine Fenster glühten matt wie trübe Augen im schwindenden Abendlicht. Clara Weiss presste die Lider zusammen gegen den beißenden Wind, der den Geruch von feuchtem Holz und Moder trug.
„Hier ist es,“ murmelte sie, während ihre Stiefel auf dem Kiesweg knirschten. Die massiven Eisentore standen sperrangelweit, als hätte man sie in Eile fliehen wollen. Von der Hausmauer stiegen dicke Ranken blutroter Efeu empor, als würden sie das Gemäuer strangulieren.
Das Stadtsiegel glänzte auf dem goldverzierten Türschild: „Von Sternberg.“ Hochherrschaftlich bis zum Überdruss.
Ein Schwarm von Blaulicht tanzte über die Fassade, ließ die dunklen Säulen des Veranda-Portals zu gespenstischen Figuren verklären. Polizeisirenen heulten durch die kalte Nacht, entfernten sich und kamen wieder näher. Doch Clara blieb unbewegt. Die Kälte war nichts im Vergleich zu dem Dröhnen, das hinter ihrer Schläfe pochte — das altbekannte Ziehen an ihrem Gewissen.
Sie trat durch die Eingangstür, die unheilvoll schloss.
Der Flur war riesig, überbordend dekoriert mit poliertem Holz, goldgeränderten Spiegeln und düsteren Gemälden längst vergangener Vorfahren. Doch die Pracht wirkte jetzt erdrückend, fast klaustrophobisch, als könnte die Luft selbst Geschichten von Lügen und Verrat flüstern.
Im Wohnzimmer lag er – der Patriarch.
Friedrich von Sternberg.
Sein Körper war zusammengesunken neben dem prunkvollen Kaminsims, das Gesicht schmerzverzerrt, die Augen starr und glasig ins Dunkel starrend. Ein dünner Riss Blut zog sich aus seinem Mundwinkel, vermischt mit Asche und Staub von dem zerborstenen Marmorkamin.
Claras Atem stockte, und ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen — nicht aus Furcht, sondern aus der schneidenden Klarheit der Situation.
„Erschlagen,“ flüsterte sie. Die flache Axt lag neben seiner Hand, der Griff klebrig von altem Harz und frischem Blut.
Polizeileutnant Berger trat hinter ihr ein, die Stirn in Falten gelegt. „Patriarch Friedrich von Sternberg, Besitzer eines der mächtigsten Familienunternehmen der Region, tot. Ermordet. Keine Zeugen vor Ort. Kein Einbruch.“
„Kein Einbruch...“ Clara ließ die Worte wie Steine fallen. „Das heißt, der Täter muss im Haus gewesen sein.“
„Oder wurde hereingelassen,“ ergänzte Berger kalt.
Die Tür zum Salon knarrte. Ein älterer Butler, mit blassem Gesicht und Händen, die vor Nervosität zitterten, trat heraus. Sein Blick schien durch Clara hindurchzustarren, der Mund bewegte sich, doch kein Ton kam.
Clara fixierte ihn scharf. „Wer hat Sie gerufen?“
Er schluckte schwer und flüsterte: „Das Fräulein Meyer. Die junge Haushälterin. Sie... sie fand den Herrn liegen. Vor einer Stunde.“
Ein schneidender Windstoß ließ die Fensterläden erzittern. Draußen heulte die Nacht. Die Stille im Raum wurde zerschnitten von einem entfernten Glasbruch. Alle Köpfe zuckten herum.
Ein leises Kichern – oder ein krächzendes Lachen – schwebte durch die Flure, als wollte das Herrenhaus selbst ein grausames Geheimnis bewahren.
Clara tastete nach ihrer Taschenlampe, doch ihr Blick wanderte zurück zum Leichnam.
„Wer wollte Friedrich von Sternberg tot sehen?“
Sie suchte die Gesichter im Raum ab. Die Bediensteten, die Polizei, eine düstere Ahnung kroch in ihren Nacken, so kalt wie der Steinboden unter ihren Füßen.
Ein Schatten bewegte sich schnell an der Wand, ein verzerrtes Profil – fast unmerklich, doch von Clara registriert.
„Was verbergen Sie?“ rief sie leise in den Raum, die Stimme scharf wie eine Klinge.
Niemand antwortete.
Doch eine Frage nagte unerbittlich in der Luft, schwerer als der Tod selbst:
Wer hatte das Motiv, den mächtigen Mann zu töten?