Chapter 8
Kapitel 8 Ein Anschlag im Morgengrauen
Das Klopfen hallte noch in ihren Ohren nach, als der Nebel sich wie eine kalte Decke um die verfallene Fassade des Hauses legte. Lena presste sich gegen die kühle Backsteinmauer, das Herz klopfte ihr gegen die Rippen wie ein entfesseltes Tier. Jeder Atemzug schien schwerer, als ob der dichte, feuchte Dunst sie erdrücken wollte.
Ihre Fingerspitzen suchten das kleine Messer in ihrer Jackentasche, doch die Kälte klaute ihr jede Feinmotorik. Das Knirschen von Schrittgeräuschen auf Kies riss sie aus der Erstarrung. Sie spähte um die Ecke – Schatten bewegten sich schnell, ein leises Klicken, dann ein dumpfer Aufprall.
„Lena!“ Eine Stimme. Rau und doch dringlich. Sie kannte sie. Ihr Verstand riss. Felix.
Er trat aus dem Nebel, gedrungen, mit einer Waffe in der Hand, die er hastig senkte, als er ihr entgegenstürmte. Sein Gesicht war bleich, doch die Augen glühten.
„Beeil dich!“, rief er, seine Stimme schneidend durch die Stille.
Lena erstarrte. Warum war er hier? Warum riskierte er etwas, nur um ihr zu helfen? Der Abgrund zwischen ihnen – tief und voller Gift – schien für einen kurzen Moment zu schwinden.
Plötzlich ein Knall. Ein grelles Brennen jagte durch die Luft.
Ein splitternder Einschlag an der Wand hinter ihnen. Die Scherben flogen, und die Vibrationen zerrissen den Boden unter ihren Füßen.
„Rennt!“, schrie Felix, ohne zu zögern, und packte Lenas Hand.
Sie rannte, Herz schlägt gegen den Brustkorb, jede Sekunde eine feine Nadel des Schreckens. Hinter ihnen heulten weitere Schüsse, Ein Pfeifen durchschnitt die Luft. Lena stolperte, aber Felix riss sie hoch, zog sie hinter einen hölzernen Bauzaun, der ihnen kurz Schutz bot.
„Wer will dich tot?“, keuchte sie, den Atem schwer und flach.
Seine Antwort kam nicht sofort. Stattdessen sah er sich um, die Augen scharf, als jagte er Schatten. „Das ist nicht nur ein Anschlag auf dich.“ Seine Stimme war tief, kaum mehr als ein Flüstern in der Nacht. „Es geht um uns beide – um alles.“
Ein weiterer Schuss riss durch die Stille. Dieses Mal näher. Ein leichter Wind trug den scharfen Geruch von Pulver zu ihnen. Lena presste die Hand gegen ihre Brust. Der Boden unter ihnen vibrierte noch einmal, dann Stille.
„Du hast mich also wirklich geschützt?“, flüsterte sie, mehr verwirrt als dankbar. Felix sah sie an, seine Miene unnahbar. „Ich habe meine Gründe.“
Sie wusste, dass es mehr war als nur taktische Notwendigkeit. Dieses Schweigen zwischen ihnen war schwer von unausgesprochenen Wahrheiten – und gefährlichen Geheimnissen.
„Warum?“, fragte sie schließlich, kaum hörbar. „Warum riskierst du dein Leben für mich?“
Sein Blick bohrte sich in ihren, eine Mischung aus Hass, Angst und… etwas Seltsamem, das wie Mitgefühl klang.
Ein zweiter schwerer Knall ließ beide zu Boden schnellen. Glas splitterte in der Ferne.
„Keine Zeit für Fragen.“ Felix zog sie weiter, seine Bewegungen entschlossen, seine Stimme streng. „Wir müssen hier weg, bevor sie zurückkommen.“
Lena ließ sich von ihm führen, die Kälte der Morgendämmerung drang durch ihre Kleidung, doch ihr Geist brannte vor Fragen, die schwerer wogen als jeder Frost. Warum Opfert Felix alles – sogar sein Leben – für das Mädchen, das seinen Feind in sich trägt?
Und welche Wahrheit lauerte hinter diesem riskanten Schutz – der wie ein Schatten über beiden hing?
Der Nebel schluckte ihre Silhouetten, während hinter ihnen das Unheil tobte.
Und Lena wusste: Dies war erst der Anfang.
---
Im nächsten Augenblick durchbrach ein grelles Licht die Dunkelheit – Taschenlampe, grell und hart. Das Klicken von Schritten wuchs.
„Hier! Dort drüben!“ Eine Stimme, kalt und autoritär, schnitt durch den Nebel.
Felix drückte Lena in eine Nische zwischen zwei Müllcontainern. Sein Atem ging stoßweise.
„Hör zu“, flüsterte er, „vertraue mir, um jeden Preis.“
Vor ihnen formte sich die Umrisse von Männern in dunkler Kleidung. Waffen funkelten im fahlen Licht.
Lena spürte, wie ihr Herz anschwoll: Panik und ein Funken unerwarteter Sicherheit zugleich.
Felix zog die Waffe.
„Kommt einfach her. Nur einer von euch verlässt die Schatten heute lebend.“
Ein eisiger Wind fuhr durch die Gasse, und plötzlich war das Spiel nicht mehr nur ein Machtkampf – es war ein Überlebenskampf.
Und in diesem Augenblick wurde klar: Felix hatte die Regeln geändert. Für sie.
Doch warum?
Das Geheimnis lag nur einen Atemzug entfernt.
Ende Kapitel 8.