Chapter 5
Alexander stand nur einen Herzschlag entfernt von ihr. Sein Blick – sonst so hart, so undurchdringlich wie geschliffener Stahl – war plötzlich von etwas durchbrochen, das sie nicht greifen konnte. War es Zweifel? Oder nur ein Schatten tief verborgener Erschöpfung?
Leas Atem blieb kurz stocken. Die kühle Luft zwischen ihnen vibrierte, von ungesagten Worten und einer Spannung, die sich anfühlte wie ein Drahtseilakt. Sie wollte einen Schritt zurückweichen, doch ihr Körper gehorchte nicht – es war, als hielte ihn unsichtbare Fäden fest, gefangen im Glanz seiner gefährlichen Nähe.
„Du bist anders, als ich dachte“, flüsterte er, seine Stimme rau, beinahe verletzlich.
Lea zwang sich, nicht den Fehler zu machen, zu früh zu viel preiszugeben. Noch immer trug sie das Risiko wie eine zweite Haut: ihr verschuldetes Erbe, die Widerstände, die ihr Leben zerreißen konnten.
„Vielleicht“, sagte sie, den Blick gesenkt, „können auch Menschen mit Geheimnissen mehr sein als nur… Schatten.“
Seine Augen verengten sich einen Moment. Dann ein kurzes, fast unmerkliches Lächeln – blitzschnell weggewischt. Ein winziges Signal, das nur sie sehen konnte.
„Du hast keine Ahnung, wie gefährlich es ist, hinter die Fassade zu blicken“, warnte Alexander, seine Stimme flüsterte gefährlich nahe. „Manchmal schützt das Dunkel vor dem, was wir nicht ertragen könnten.“
Lea spürte, wie sich ihr Herz gegen die Brust presste, ein wild pochendes Tier, das zu entkommen suchte. Warum fühlte sie sich so seltsam gezogen? Warum stach ihr der Schmerz, wenn er sprach, als würde er jede ihrer Grenzen berühren?
„Ich verzichte nicht auf die Wahrheit“, sagte sie fest, obwohl ihre Finger ganz leicht zitterten. „Ich will deinen Schatten sehen – so gefährlich er auch sein mag.“
Für einen Moment so still, dass nur das Ticken der Wanduhr die Stille zerriss. Dann drehte sich Alexander abrupt um und ging zur Fensterfront. Seine Silhouette verschmolz mit den Städtenlichtern, die sich draußen wie ein glitzerndes Netz auszogen.
Lea blieb zurück, in einem Meer aus Fragen und Zweifeln. War ihre Nähe zu ihm ein Gefühl von Sicherheit? Oder nur ein Vorbote des Sturms, der bevorstand?
Genau in diesem Augenblick vibrierte ihr Telefon in der Tasche. Sie zog es heraus, das Display blendete sie in die Dunkelheit.
Eine Nachricht. Nur ein Wort:
„Pass auf.“
Die Luft um sie herum schien plötzlich kälter zu werden. Ein eiskalter Hauch, der ihr durch Mark und Bein ging.
Lea wusste – dieser Briefverkehr zwischen Wahrheit und Lüge hatte gerade eine neue, gefährliche Wendung genommen.
Und sie stand mitten drin.
Das Spiel war längst kein Spiel mehr.
Jetzt ging es um alles.