Chapter 4
Elena stand noch immer im Schatten des gläsernen Ballsaals, die kühle Abendluft strich sanft über ihre Haut, doch ihr Herz pochte wie ein Trommelfeuer gegen die Rippen. Adrians Worte – oder vielmehr die Stille zwischen ihnen – brannten sich wie eine unsichtbare Narbe in ihr Bewusstsein. Sie wollte die Wahrheit greifen, doch sie glitt ihr wie Nebel durch die Finger.
Als sie den Kopf hob, bemerkte sie eine Bewegung am Ende des Gartens. Eine Silhouette, die sich langsam der Lichtung näherte. Die kühle Nachtluft schien unter ihrer Anwesenheit plötzlich schwerer, gedrückter. Elena spürte, wie sich ein Schatten über ihre Brust legte – vertraut und doch unerwartet.
„Elena.“ Die Stimme klang tief, rau, geladen mit einer Mischung aus Nostalgie und Bitterkeit.
Sie drehte sich um – und stand plötzlich Jannik Keller gegenüber, der sich seit Jahren so tief in ihre Erinnerung vergraben hatte, dass sie kaum noch gewagt hatte, ihn heraufzubeschwören. Er trug einen dunklen Mantel, der seine breiten Schultern betonte, und seine Augen, so kalt und stechend wie ein Wintersturm, fixierten sie unverwandt.
„Jannik?“ Ihr Ton schwankte zwischen Überraschung und Vorsicht.
„Ich habe lange nach dir gesucht,“ sagte er mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln, das mehr Schatten als Wärme enthielt.
Elena spürte, wie sich etwas in ihrem Inneren verkrampfte. Früher, als Jugendliche, hatten sie Stunden damit verbracht, durch diese Straßen zu streifen, Pläne zu schmieden, Träume zu teilen. Doch diese Erinnerung war längst verblasst unter der Last dessen, was er für sie geworden war: ein Mann mit einer Aura so dunkel wie die Stadt bei Nacht.
„Warum jetzt?“ Ihre Frage war kaum mehr als ein Flüstern, doch in ihren Augen blitzte die Furcht auf, die sie so beharrlich zu verbergen versucht hatte.
Jannik trat einen Schritt näher, und plötzlich war der Abstand zwischen ihnen schrumpfend und elektrisierend. Seine Stimme wurde leiser, eindringlicher. „Weil es Dinge gibt, die weder du noch ich ignorieren können. Die Vergangenheit. Unsere Geschichte. Und was Adrian übersehen hat.“
Ein kalter Schauer kroch Elena den Rücken hinauf. Die Erwähnung Adrians traf die Stelle, wo sie Schutz gesucht hatte, mit einem Dolchstoß. Was wusste Jannik? Warum mischte er sich ausgerechnet jetzt ein?
„Du bist kein Teil meiner Vergangenheit mehr, Jannik. Ich habe mich verändert. Ich will nicht zurück.“ Ihr Atem ging schneller, die Worte schneidend wie splitterndes Glas.
„Du kannst nicht zurückgehen, das weiß ich.“ Seine Augen funkelten, als enthüllten sie verborgene Wahrheiten, die Elena nur zu gut fürchtete. „Aber ich kann dir helfen. Oder dich zerstören. Es liegt an dir.“
Ein Windstoß riss an einem trockenen Blatt, das über den Kiesweg tanzte, als die Stille zuschnürte. Elena suchte nach einem Ausweg, einem Halt, doch sein Blick zog sie wie von einer unsichtbaren Kette gefesselt näher.
„Warum suchst du mich jetzt wieder? Nach all den Jahren?“
Jannik wich kurz zurück, seine Mundwinkel zogen sich zu einem Schatten eines Grinsens. „Weil die Schatten länger sind, als du denkst. Und manche Schulden verlangen nach Einlösung – egal, wie hoch der Preis ist.“
Er drehte sich abrupt um und verschwand im Dunkel, die Stille hinter sich zurücklassend, die schwerer wog als jede Antwort.
Elena blieb stehen. Ein Schatten aus der Vergangenheit hatte sich wieder an ihre Seite geschlichen – und mit ihm begann ein Spiel, das ihre ganze Welt zu zerreißen drohte. Warum suchte Jannik plötzlich wieder Kontakt? Und wie tief reichte sein Griff in das Geflecht aus Macht, Rache und Geheimnissen, das sie zu durchdringen versucht hatte?
Nur der Mond sah zu, wie sie mit pochendem Herzen den ersten Schritt in einen Sturm wagte, der sie alles kosten würde.