Chapter 6
Ein kalter Schauer kroch Selina die Wirbelsäule hinauf. Das leise Knarren hinter ihr – so vertraut, so bedrohlich. Ihr Herz schlug wie wild, jede Faser ihres Körpers erschien auf einmal stumpf vor Angst und Adrenalin. Ohne sich umzudrehen, spürte sie, wie die Luft um sie schwerer wurde, fast wie in einem stummen Duell.
„Selina… wir müssen reden.“ Die Stimme kam näher, rauchig und doch gefasst, als ob sie mit jedem Wort eine sorgfältig gewählte Waffe zückte.
Ihr Atem blieb kurz stockend hängen. Sie drehte sich langsam um und sah Markus Degen, dessen stechende Blicke ihr jeden Versuch auf Ausflucht raubten. Sein dunkles Sakko saß perfekt, seine Präsenz füllte das Raumlicht mit eisiger Schärfe. Noch bevor sie etwas erwidern konnte, hatte er die Distanz zwischen ihnen auf nur wenige Schritte verringert.
"Wie bist du reingekommen?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber es lag ein scharfer Unterton darin, der ihre Unsicherheit kaschierte.
Markus schnaubte leise und blickte sich kurz um. „Das ist nicht wichtig. Wichtiger ist, was für ein Spiel hier gespielt wird, Selina. Die Presse, die Öffentlichkeit – sie sehen nur das perfekte Paar. Aber ich weiß, dass hinter deiner Fassade eine tickende Zeitbombe steckt.“
Sein Blick bohrte sich in ihre Augen wie ein Skalpell, das jede Unehrlichkeit aufspießen sollte. Selinas Bauch verkrampfte sich, als Erinnerungen an die letzten Wochen über sie hinwegrollten: die minutiös geplanten Fotoshootings, die eloquenten Interviews, die immer wieder inszenierten Spaziergänge im Park – alles inszeniert wie ein filigranes Puppentheater. Aber das Theater hatte Risse bekommen.
„Du spielst mit dem Feuer, Markus. Ich bin hier nicht die Marionette, die du zerreißen kannst.“ Ihre Stimme bekam mehr Gewicht, fester, als wäre sie dabei, eine unsichtbare Mauer um sich hochzuziehen.
Markus lächelte kalt und trat noch etwas näher. „Ach, Selina… du bist nicht die Einzige, die hier das Spiel spielt.“ Mit diesen Worten zog er ein kleines, neongrün leuchtendes Tablet aus seiner Tasche und aktivierte das Display. Ein Foto erschien: eine Aufnahme von Selina, ganz unauffällig, in einem Café sitzend, doch das Lächeln wirkte gezwungen, die Augen voller Sorgen.
„Das bist du, wenn außer Sichtweite bist. Nicht diese strahlende Ehefrau, sondern die Frau, die sich in ihrem eigenen Netz aus Geheimnissen verfängt.“ Seine Stimme tropfte vor Spott, aber auch Bewunderung.
Ein bitterer Geschmack breitete sich in Selinas Mund aus. Sie wusste, dass Markus sie jahrelang beobachtet hatte, jeden ihrer Schritte analysierte. Doch diese kleine Geste – das plötzliche Aufblitzen ihrer verborgenen Verletzlichkeit – öffnete eine alte Wunde in ihr.
„Du unterschätzt, was ich bereit bin zu tun,“ sagte sie und stemmte die Hände in die Hüften.
„Ich unterschätze gar nichts“, erwiderte Markus. „Das Problem ist, ob du zu viel unterschätzt.“ Sein Blick wanderte zur gläsernen Eingangstür des Ateliers, wo draußen die Scheinwerfer der Reporter und Kamerateams bereits aufblitzten, als wären sie Geier, die auf das nächste blutige Stück warteten.
Das Pochen in ihrer Brust wurde zu einem unaufhaltsamen Trommelfeuer. Jedes Licht, jede Kamera, jeder neugierige Blick konnte ihr sorgfältig gebautes Kartenhaus zum Einsturz bringen.
„Du willst mich zerstören, nicht wahr?“ Die Worte kamen fast lautlos, doch in der Dichte des Raumes fühlte es sich an wie ein Kampfansage.
Markus neigte den Kopf und ein Anflug von Belustigung spielte in seinen Augen. „Ich will nur Gerechtigkeit. Und wenn die Wahrheit dein größter Feind ist, dann werde ich sie zum Schwert machen.“
Hinter der großen Fensterfront begannen sich Schatten zu regen. Noch ein paar Minuten, dann würde die „Show“ beginnen. Die Fotografen würden für das flimmernde Bild von Selina Weber und Alexander Degen sorgen, dem scheinbar perfekten Paar, das Berlin begeisterte.
Selina spürte das Gewicht der Rolle, die sie spielte: die liebevolle Ehefrau, die starke Frau, die nichts aus der Fassung bringt.
Doch unter der glänzenden Oberfläche brodelte eine Angst, die niemand sah.
Wie lange würde die Fassade halten? Wie viele Lügen konnte sie mit diesem einen Vertrag noch decken?
Und dann, plötzlich, vibrierte ihr Handy in ihrer Tasche. Sie griff danach, das Display flackerte auf – eine Nachricht von Alexander.
Nur drei Worte: „Bleib stark, Liebling.“
Ein kurzer Blick zu Markus, dessen Lippen sich nun zu einem dünnen Strich zusammenzogen, dann das Schweigen zwischen ihnen, schwer und voller Bedeutung.
„Bist du bereit für das Spiel?“ fragte Markus leise, bevor er sich zurückzog und im Schatten der Ateliereingangs verschwunden war.
Selina stand allein im Raum, das Flackern der Straßenlampen zeichnete tanzende Silhouetten an die Wände. Ihr Herz hämmerte wie ein wildes Tier in ihrem Brustkorb.
Beim nächsten Lichtblitz an der Tür würde die Welt sie sehen.
Aber könnte sie wirklich auch die Wahrheit verbergen?
Die Tür klingelte. Genauer gesagt: ein kräftiges, forderndes Klopfen hallte durch das große Loft.
Selina holte tief Luft, die Luft fühlte sich plötzlich dünn an, als würde sie jeden Atemzug ersticken.
Die Scheinwelt begann — doch die Frage blieb:
Wie lange konnte sie dieses Leben wirklich spielen, bevor alles in sich zusammenbrach?