Chapter 4
Die Luft in dem großen Raum schien auf einmal merklich kälter zu werden. Selina stand bewegungslos da, den Blick auf die zerbrochenen Splitter des Glases auf dem polierten Marmorfußboden gerichtet. Jeder Lichtstrahl, der durch die hohen Fenster fiel, fing sich in den scharfen Kanten der zerborstenen Scheibe, warf tanzende Schatten an die Wände. Ihr Herz hämmerte in der Brust, als wolle es sich aus ihrer Haut winden, während jeder ihrer Atemzüge rau und brüchig aus ihrer Kehle kam.
Ein leises Knacken ließ sie zusammenzucken. Schritte. Gleichmäßig. Unaufhaltsam.
Alexander trat aus dem Schatten der Tür. Sein Anzug saß makellos, jeder Stofffaden schien perfekt arrangiert, und doch war da jetzt etwas in seiner Haltung, das sie sonst nie gesehen hatte: eine eisige Distanz, fast wie ein undurchdringlicher Panzer, der sich um ihn gelegt hatte.
„Selina,“ begann er, seine Stimme tief und leise, ohne die Wärme, die sie gewohnt war, „du hast die Regeln gebrochen.“
Sie hob den Kopf, ihre Augen suchten seinen Blick. Doch in ihnen spiegelte sich nur eine kühle Absonderung – kein Funken von Zorn, keine Spur von Auflehnung. Nur eine nüchterne Erwartung, dass sie bezahlen müsse.
„Ich wollte dich nicht verletzen,“ flüsterte sie und ihre Stimme zitterte so sehr, dass sie kaum sich selbst verstehen konnte.
Alexander schnaufte leise, der Ausdruck seines Gesichts blieb undurchsichtig. Er trat näher, doch nicht einladend, eher wie ein Richter, der seine Urteile spricht.
„Du verstehst nicht,“ sagte er dann langsam, fast als würde er ihr etwas erklären, drehte sich halb ab und fixierte einen unsichtbaren Punkt an der Wand. „Dieser Vertrag… ist mehr als Papiere und Unterschriften. Er ist unser Gefängnis und unser Schutz gleichzeitig.“
Selina spürte, wie ihre Hände krallten sich in den Stoff ihres Kleides. „Warum dann diese Kälte? Warum diese Mauer zwischen uns?“
Ein Schatten glitt über Alexanders Gesicht, ehe er sich wieder beherrschte. „Weil Gefühle eine Schwäche sind, die wir uns nicht leisten können. Nicht jetzt. Nicht hier.“
Sie biss sich auf die Unterlippe, die scharfen Worte brannten ihr auf der Zunge. „Wenn das alles ist, was du fühlst, warum hast du mich dann geheiratet? Warum diesen teuflischen Deal geschlossen?“
Alexander schwieg einen Moment, der Raum war erfüllt vom Echo ihrer unausgesprochenen Fragen, damals schon geahnt und doch nie gewagt. Dann kam seine Antwort, so kühl wie ein Wintergruß: „Ich will nicht, dass du ein Opfer wirst. Und doch bist du Teil dieses Spiels, ob du willst oder nicht.“
Selina suchte seine Augen – und fand darin eine verborgene Last, eine verschlossene Tür, die sie nicht öffnen durfte. Es war, als würde er ein Stück seiner Seele verbergen, hinter einer eisigen Maske, die keinen Zweifel daran ließ, dass hier kein Platz für Nähe war.
„Ich...“ Sie wollte etwas sagen, doch ihre Stimme versagte. Stattdessen ließ sie sich auf einen der schwarzen Ledersessel sinken, die in der Ecke der Suite standen. Die Kühle des Leders schnitt in ihre Haut, so wie Alexander es mit jeder Berührung tat – fern und unerreichbar.
Alexander drehte sich ganz zu ihr um, das Bild eines Mannes, der versuchte, Kontrolle zu behalten über sich und das Chaos dieser Welt. „Selina, verstehst du, was auf dem Spiel steht?“
„Ja,“ hauchte sie, „und genau deshalb fürchte ich, dass wir uns gerade dabei verlieren. Nicht nur den Vertrag, nicht nur den Stolz...“
Ein stechendes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, bitter und kurz. „Verliebt hat sich hier niemand. Nicht wirklich.“
Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Sie wusste, dass Alexander seine Mauern hatte – dass er lange Geister bekämpfte, die er niemals teilen würde. Doch in diesem Moment fühlte sie auch die Kluft, die immer größer wurde, je länger das Schweigen zwischen ihnen währte.
Plötzlich klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch, ein greller Ton, der das fragile Schweigen zerschnitt. Alexander griff nach dem Hörer, seine Stirn legte sich in Falten.
„Degen,“ murmelte er kurz, und als seine Stimme sich senkte, lauschte Selina nur.
Etwas in seinem Ausdruck veränderte sich. Die eisige Maske zerbrach für einen Bruchteil einer Sekunde, und darunter blitzte pure Entschlossenheit.
Er legte auf und wandte sich wieder ihr zu. „Er spielt ein gefährliches Spiel. Du musst wissen, was du riskierst.“
Selina erhob sich langsam, ihr Blick fokussiert. „Ich weiß, aber ich werde nicht zulassen, dass unsere Zukunft an diesen Intrigen zerbricht.“
Alexander nickte, der Ernst seiner Miene ließ keinen Zweifel: Zwischen ihnen stand mehr als Liebe oder Vertrag. Es war ein Krieg, dessen Schlachtfelder in ihren Herzen lagen.
Doch was verbarg sich hinter dieser eisigen Maske, die er trug? Welche Schatten lauerten in seinen dunkelsten Geheimnissen? Ein leises Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Beide hielten den Atem an.
Das Drücken des Türgriffs war nur eine Sekunde, doch es fühlte sich an wie eine Ewigkeit.
Und da stand Markus Degen, mit einem Lächeln, das mehr Bedeutung hatte, als man auf den ersten Blick erahnen konnte.