Chapter 3
Das dumpfe Pochen in Selinas Kopf schien lauter als das gedämpfte Klirren der Gläser auf dem verchromten Tisch. Ihre Finger zitterten leicht, als sie den Stift zurücklegte. Der Raum um sie herum hatte sich verwandelt — von einem elegant gestalteten, hell erleuchteten Büro zu einer Schlinge, die sich langsam um ihr Herz zog.
Alexander saß ihr gegenüber, der Blick scharf, fast zu kühl, doch mit einem Anflug von Erleichterung, der sich nur in seinen knochigen Händen abzeichnete, die sich zu Fäusten ballten. „Jetzt ist alles besiegelt“, sagte er leise, aber festen Ton.
Selina schluckte, das Gewicht der Worte ließ sich nicht abschütteln. „Der Vertrag“, hauchte sie und griff nach dem dünnen Papierstapel, den sie gerade unterschrieben hatten.
Sie blätterte langsam durch die Seiten, die feinen schwarzen Buchstaben verschwammen und formten sich zu einer Mauer, durch die sie sich kaum einen Weg bahnen konnte. Es war alles klar formuliert – aber etwas war da, was sie auf den ersten Blick nicht bemerkt hatte.
Ihr Herz schlug schneller, als sie eine kleine, fast unscheinbare Fußnote entdeckte, irgendwo am Rand der letzten Seite.
„§ 14, Abs. 3.“ Ihre Augen suchten unwillkürlich nach einem Erklärungstext.
„Was liest du da?“, fragte Alexander, doch sein Blick haftete auf ihrem Gesicht, das plötzlich eine Spur blasser wirkte.
Selina verbeugte sich ein Stück über den Vertrag, fing an, zu lesen. „Eine Klausel über … öffentliche Verpflichtungen und Vertragswidrigkeiten. Es geht um die Möglichkeit, den Vertrag einseitig zu kündigen, falls bestimmte Informationen offengelegt werden … und diese Passagen sind an Bedingungen gebunden, die nicht näher erläutert werden.“
Ein kalter Schauder kroch ihr den Rücken hinauf. „Aber das hier – es spricht von ‚offengelegten Informationen aus der Vergangenheit der Ehepartnerin‘. Das klingt, als könnte irgendetwas aus meinem Leben benutzt werden, um mich zu erpressen...“
Ihr Blick hob sich langsam zu Alexander, der seine Miene kaum veränderte. Doch in seinen Augen blitzte etwas auf — etwas, das Selina nicht deuten konnte, irgendetwas zwischen Warnung und… Heimtücke.
„Warum hast du mir diese Klausel nicht gezeigt?“ Ihre Stimme war nur ein Flüstern. „Warum hast du das verborgen?“
Alexander lehnte sich zurück, die Finger jetzt ineinander verschränkt. „Weil wir Vertrauen in einander brauchen, Selina. Aber ich bin kein Narr. Verträge sind Werkzeuge, und manchmal müssen wir die Werkzeuge schärfen, um uns zu schützen.“
„Vor wem, Alexander? Vor mir?“ Die Worte trafen ihn wie ein Schlag, doch er erwiderte nichts.
Der Raum fühlte sich dichter an, als ob die Luft zu einer undurchdringlichen Wand geworden wäre.
Selina wollte aufspringen, den Vertrag zerreißen, einfach verschwinden. Stattdessen blieb sie sitzen, den Blick fest auf die gefährliche Passage gerichtet.
Noch während sie dort saß, spürte sie einen Schatten am Fenster. Die Sonne draußen hatte sich verändert, die goldene Dämmerung mischte sich mit den dunklen Schatten der Hochhausfassaden.
Plötzlich, mit einem kaum hörbaren Klicken, vibrierte ihr Telefon. Eine Nachricht.
Nur ein Wort.
„VORSICHT.“
Ihre Hand zögerte, bevor sie es öffnete.
Die Nachricht stammte von einem unbekannten Absender.
Selinas Herz setzte einen Schlag aus.
Wer war das? Wer wusste von dieser Klausel, von diesem geheimnisvollen § 14, Abs. 3?
Und warum hatte Alexander sie verborgen?
Eine kalte Angst breitete sich in ihr aus – und mit ihr die Erkenntnis, dass ihr Leben mehr und mehr zu einem undurchsichtigen Spiel wurde.
Selina blickte zu Alexander auf, der ihr jetzt direkt in die Augen sah.
„Es gibt Dinge, die du nicht wissen sollst. Nicht jetzt.“
Sie schluckte schwer. „Dann sag es mir – jetzt.“
Er schüttelte den Kopf, und hinter seinem Blick blitzte etwas auf, das Selina zuckte: eine Warnung? Eine Drohung?
Eine weitere Nachricht kam herein.
Diesmal ein Bild.
Der Vertrag. Und neben der Klausel eine deutliche, rote Markierung. Und darunter ein Name.
Ein Name, den Selina seit Jahren nicht gehört hatte.
Ihr Atem wurde flach.
Die Grenze zwischen Partner und Feind begann, sich aufzulösen.
Und sie wusste: Wer auch immer diesen Vertrag manipuliert hat, spielt ein gefährliches Doppelspiel.
Und Alexander ist tief darin verstrickt.
Das Klirren eines Glases in der Ferne schnitt durch die Stille.
Draußen verstreuten sich die letzten Sonnenstrahlen und ließen die Stadt glitzern – eine Stadt aus Spiegeln und Illusionen, in der jeder Schritt kostbar und gefährlich war.
Und Selina wusste: In diesem Spiel kann nur einer gewinnen.
Oder keiner.
Die Stille wurde durch ein Geräusch unterbrochen. Das leise, aber bestimmte Pochen an der Tür.
Sie wandte sich abrupt um.
Wer hatte gerade hereingekommen?
Und was würde das ihre Welt aus den Angeln heben?
Das Herz schlug ihr bis zum Hals.
Der gläserne Vertrag war zerbrochen.
Und mit ihm das fragile Gleichgewicht ihres Lebens.