Chapter 2
Das Klopfen hallte erneut gegen die Tür, diesmal noch unerbittlicher. Selina stand wie gelähmt, die lauten Schläge bohrten sich in ihre Gedanken. Ihr Blick wanderte hektisch zum schmalen Spalt unter der Tür, doch kein Schatten bewegte sich daran entlang.
Ihr Herz schien zu rasen, als zöge es gegen die Mauern ihrer Brust an. Die Luft im Raum hatte sich abgekühlt, sie konnte den leisen Sog spüren, als ob die Zeit selbst den Atem anhielt – hielt, um zu warten, welche Entscheidung sie treffen würde.
Wenn sie die Tür öffnete, wartete hinter ihr der Mann, mit dem ihr Leben eine Richtung nehmen sollte, die alles bisherige auslöschte: Alexander Falk, der Milliardär mit dem eisigen Blick.
Langsam trat sie einen Schritt vor. Die Finger zitterten, als sie nach der Türklinke griff. Ein kurzer Stromstoß fuhr durch ihren Körper, dann öffnete sie die Tür einen Spalt.
Dahinter stand er.
Alexander Falk. Höher gewachsen als erwartet, schlank, mit Schultern, die scheinbar die Last ganzer Imperien trugen. Sein Gesicht war Ausdruck purer Kontrolle – scharf geschnitten, mit Augen so dunkel und durchdringend, als wolle er hinter ihre Seele blicken.
Sein Blick ruhte auf ihr, ohne ein Lächeln, ohne jeden Funken Wärme. Selina spürte, wie sich eine unerklärliche Kälte in ihrem Bauch ausbreitete. Kein Zweifel – dieser Mann kannte keine Schwäche.
„Frau Weber“, sagte er mit tiefer, klarer Stimme, die keine Widerrede duldete. „Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben.“
Sie nickte stumm und trat zurück, um ihn einzuladen. Die Tür schloss sich mit einem dumpfen Knall hinter ihm.
Der Flur des eleganten Berliner Lofts war kühl, fast steril. In den großen Fenstern spiegelten sich das Glas und Stahl der Stadt, die bei Nacht ein Meer aus kalten Lichtern bildete.
Alexander ließ seinen Blick langsam durch das Atelier schweifen. Die Staffelei mit ihren bunten Farbklecksen, die halb fertigen Leinwände, der Geruch von Terpentin und frischer Farbe, der in der Luft hing – dieser Raum war Selinas Zuflucht und zugleich ihre größte Angst.
„Ich nehme an“, begann Alexander, „dass uns die Formalitäten schnell hinter uns bringen möchten.“
Seine Stimme räumte keinen Raum für Einwände. Er trat auf einen großen Eichentisch zu, auf dem ein ordentlicher Stapel Papier lag. Verträge. Paragraphen, die ihr Leben für immer verändern würden.
Selina spürte, wie ihr Herz stolperte. Es war mehr als nur Papier. Es war ein Versprechen – wertvoll und zugleich gefährlich.
„Ja“, entgegnete sie leise. „Je schneller, desto besser.“
Alexander nickte. „Der Ehevertrag. Nur die üblichen Klauseln...“
Er zog ein Dokument zu sich heran und schob es ihr über den Tisch. Seine Finger berührten kaum den Rand des Blattes, so kühl und distanziert war seine Bewegung.
Selina blätterte durch die Seiten, die Bedingungen lasen sich wie ein Spiegel aus Macht und Kontrolle. Jede Klausel war präzise formuliert – ein filigranes Netz aus Schutz und Bindung.
Dominiert von der nüchternen Sprache fühlte sie plötzlich die Last, die auf ihr lag. Nicht nur rechtlich, sondern auch emotional.
Alexander beobachtete sie genau, offenbarte keine Regung. Aber in seinen Augen blitzte etwas auf – ein Funke, der nicht nur geschäftliches Kalkül verriet.
„Sie sind also bereit, diesen Schritt zu gehen“, stellte er fest, „obwohl Sie wissen, dass es sich hier nicht um eine Liebesheirat handelt.“
Selina schluckte schwer. „Ich habe keine Wahl.“
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln zuckte um Alexanders Lippen, so spärlich, dass es fast wie ein Schatten wirkte.
„Manchmal“, sagte er leise, „ist Freiheit der falsche Traum.“
Ihre Augen trafen sich für einen Moment, und Selina hatte das Gefühl, als reichte dieser Blick tiefer als jedes Wort. Es war, als verberge er einen Grund, den er nicht sprach. Einen Beweggrund, der nicht nur mit Geschäftsinteressen zu tun hatte.
Sie wollte nachfragen, konnte es aber nicht. Die Spannung in der Luft schnürte ihr die Kehle zu.
„Ich schlage vor“, fuhr Alexander fort, „dass wir morgen mit den offiziellen Formalitäten beginnen. Bis dahin...“ Er machte eine kurze Pause, als wolle er ihr etwas mit auf den Weg geben, das unausgesprochen blieb. „...überlegen Sie sich gut, was Sie wirklich wollen.“
Er wandte sich zum Gehen, doch stoppte in der Tür. Ohne sich umzudrehen, sagte er: „Ich kann Ihnen versichern: Nicht immer ist das, was man will, auch das, was man braucht.“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Zurück blieb Selina, allein mit der Stille des Ateliers und dem dumpfen Pochen ihres Herzens.
Sie blickte auf den Stapel Papiere auf dem Tisch – das Versprechen, das ihr zugleich einen Weg eröffnete und sie in Ketten legte.
Und tief in ihrem Inneren begann ein Zweifel zu nagen.
Warum wollte Alexander diese Ehe wirklich?
Was verbarg er hinter seiner kalten Fassade?
Der Raum schien plötzlich kleiner, das Licht gedämpfter. Und Selina wusste: Ihr Leben war von jetzt an nie mehr dasselbe.