NoveliqaVertrag der verbotenen Sehnsucht / Nähe auf Distanz :0%
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Chapter 3

Nähe auf Distanz

Die Stille nach Leons Worten lastete schwer im Raum. Emilia spürte, wie sich die Luft zwischen ihnen schlagartig verdichtete, fast greifbar, als hätte eine unsichtbare Wand sie voneinander getrennt. Ihr Herz schlug bis zum Hals, wild und ungestüm, während ihre Augen Leons nachspürten. Er wirkte – ungewöhnlich – verletzlich, obwohl die Maskerade aus Kälte und kalkulierter Kontrolle weiterhin wie eine zweite Haut an ihm haftete.

Langsam rückte Leon zurück von dem Fenster, hinter dem die glitzernde Stadt wie ein Meer aus Licht pulsierte. Seine Finger strichen flüchtig über die Glasfläche, als wolle er die Gedanken, die sich dort draußen verloren hatten, greifen und zurückholen.

„Du bist... anders, Emilia.“ Seine Stimme war ein raues Flüstern, kaum mehr als ein Schatten. „Nicht wie die anderen.“

Ein Funke Widerstand flackerte in ihr auf, ein stilles Aufbäumen gegen seine Einschätzung, die wie ein doppeldeutiger Vorwurf klang. „Und das soll was bedeuten? Dass ich nicht hierher passe?“

Leon drehte sich um, sein Blick bohrte sich scharf in ihre. „Nein. Dass du mehr bist, als ich erwartet hatte.“ Sein Lächeln war so flüchtig, dass Emilia sich fragte, ob sie es sich eingebildet hatte.

Sie schluckte schwer, suchte nach den richtigen Worten in einem Geflecht aus Unsicherheit und Neugierde. „Was erwartest du dann?“

Er trat näher, seine Präsenz füllte den schmalen Raum zwischen ihnen, so dass Emilia den Hauch seines Parfums auf ihrer Haut spürte. Zucker und Rauch, eine seltsame Mischung, die zugleich beruhigte und nervös machte.

„Ich weiß es selbst nicht.“ Leons Stimme zitterte leicht. „Vielleicht... dass du mich zerstörst.“

Der Satz hing wie ein Dolch zwischen ihnen. Eine Androhung, ein Geständnis? Emilia biss sich auf die Lippen. Nicht zerbrechen lassen. Nicht zeigen, wie tief ihn das traf.

Sie wandte sich ab, ihre Augen suchten das Chaos der Stadt, wo tausend Menschen in ihren eigenen Dramen verstrickt waren. „Vielleicht zerstöre ich dich nicht. Vielleicht befreie ich dich nur von dir selbst.“

Ein kurzes Lachen entfuhr ihm – scharf, bitter, aber ohne Spott. „Befreien... Das klingt gefährlich für einen Mann, der alles unter Kontrolle haben will.“

Doch statt sich zu entfernen, bewegte sich Leon nicht von ihrer Seite. Stattdessen blieb er so nah, dass Emilia die Hitze seiner Körpermitte spürte. Ein Spiel aus Nähe und Distanz, das sie beide verwirrte.

Die Tür zum Badezimmer öffnete sich, und eine Schattenfigur trat ein: Margot, die Haushälterin. Ihre Augen blitzten kurz wissend, dann senkte sie den Blick. „Das Essen ist fertig, Herr Albrecht.“

Leon nickte, ohne sich von Emilia abzuwenden. „Danke, Margot.“ Die Haushälterin verbeugte sich fast, ging langsam aus dem Raum.

Emilia ließ den Atem entweichen, der sich in ihrer Kehle gesammelt hatte. Sie fühlte sich wie eine Figur in einem Schachspiel, jeder Zug so sorgfältig geplant und doch voller unvorhersehbarer Risiken.

„Wirst du schon deinen Platz in diesem Spiel einnehmen?“ Ihre Stimme war leiser, forschender geworden. „Oder bleibst du nur eine Ablenkung?“

Leon sah sie an, seine Pupillen weiteten sich, und zum ersten Mal ließ die eisige Maske eine Spur von Bewunderung durchscheinen. „Vielleicht bin ich beides.“ Seine Hand fuhr unwillkürlich an seinem Hemdkragen entlang. „Aber du bist die erste, die mich dazu bringt, das in Betracht zu ziehen.“

Ein Klopfen an der Tür ließ beide zusammenzucken. Emilia drehte sich fahrig um.

Die Tür öffnete sich einen Spalt, und ein trockener, männlicher Ton fiel ein: „Leon, kannst du einen Moment zum Telefon kommen? Es ist dringend.“

Leon legte den Kopf schief, seine Kiefermuskeln spannten sich unbewusst an. „Sag ihnen, ich rufe zurück.“

Die Stimme antwortete bestimmt: „Das kann nicht warten.“

Ein Schatten huschte über Leons Gesicht, und die Ruhe wich einer plötzlichen Anspannung, die Emilia scharf registrierte. Wie ein Raubtier, das seine Beute erspürt und sofort den Plan ändert.

Er wandte sich zu ihr, sein Blick kämpfte zwischen Hingabe und Mühe. „Ich muss das klären. Bleib hier.“

Emilia nickte, ohne die eigene Neugier verbergen zu können. Warum wirkte Leon so kalt – und doch so fasziniert von ihr? Ein Rätsel, das tiefer war, als sie es sich selbst eingestehen wollte.

Sie wollte ihm nachgehen, ihn irgendwie berühren, halten, festhalten – doch gleichzeitig spürte sie die unsichtbare Mauer, die er um sich gezogen hatte. Nähe auf Distanz. Ein Vertrag, ja, aber auch ein gefährliches Spiel um Vertrauen, das erst begonnen hatte.

Der Klang von Leons Schuhen auf dem polierten Parkett hallte durch die luxuriöse Suite, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Emilia stand allein, umfangen vom flackernden Licht der Großstadt, deren Lichterbilder in ihren Augen tanzten.

Was verbarg Leon wirklich hinter seiner eisigen Fassade?

Und – genauso quälend – warum fühlte sie sich ausgerechnet zu diesem Mann hingezogen, der sowohl ihr Gefängnis als auch ihr Rätsel zu sein schien?