NoveliqaVertrag der verbotenen Sehnsucht / Das Spiel der Fassaden :0%
Log in

Chapter 5

Das Spiel der Fassaden

Der dunkle Flur schien in jenem Moment zu atmen, ein kaltes, drückendes Gewicht lastete auf Lina. Ihre Finger krallten sich um das edle Stoffstück ihres Abendkleids, doch die Hitze begann in ihrem Nacken zu steigen, als hätte der Schatten, der sich gerade erst verzogen hatte, im Raum nach ihr gegriffen. Atmen. Einfach atmen. Doch die Luft war schlecht, schwer und ließ jeden ihrer Atemzüge tastend und zögernd wirken.

„Du siehst aus, als hättest du gerade eine Geistererscheinung gesehen“, sagte eine Stimme, die sich durch das gedämpfte Licht schlängelte.

Lina drehte sich langsam um. Jonas Krüger stand halb im Schatten, halb im Scheinwerferlicht der kristallklaren Stehlampe. Seine Augen funkelten so kühl und gefährlich wie immer, doch heute war da etwas anderes – ein stilles Amüsement, fast zärtlich, das sie normalerweise von ihm nie erwartete.

„Das hier ist erst der Anfang“, hauchte sie und konnte den bitteren Unterton darin kaum verbergen.

Er machte einen Schritt auf sie zu, die Hände locker in den Hosentaschen seines perfekt geschnittenen Anzugs. „Dann sollten wir besser lernen, unsere Rollen zu spielen, nicht wahr?“

Der Saal wartete auf sie. Die gläsernen Türen öffneten sich lautlos, legten die Welt frei, die Lina seit Wochen auswendig lernte: Blitzende Kameras, geflüsternde Gäste, duftende Rosenarrangements, die in schwerem Rot und Gold strahlten, und ein Meer aus maßgeschneiderten Anzügen und schicken Kleidern. Berlin zeigte sich von seiner glänzendsten Seite. Doch hinter all dem Glanz versteckten sich Masken, Intrigen und Blicke, die wie Messer schnitten.

Sie spürte das Kribbeln in ihren Fingerspitzen, als Jonas ihre Hand nahm und sie mit einem Lächeln, das seit jeher tödlich gewesen war, neben sich herführte.

„Denke daran“, flüsterte er, „jeder hier will etwas – sei es Macht, Einfluss oder etwas, das keiner zugeben würde.“

Lina nickte, den Blick fest nach vorn gerichtet. Ihr Herz raste, doch sie ließ sich nichts anmerken. Nein, heute würden sie nicht die zerbrochene Frau sein, die sich am Rande der Unsichtbarkeit verlor. Heute waren sie ein Paar – perfekt inszeniert, unabstechlich.

Der erste Halt war Maximilians engster Kreis. Körper drängten sich, Stimmen summten wie ein fein gestimmtes Orchester. Jonas begrüßte einen Mann mit einem festen Händedruck, einer, dessen Augen mehr verrieten, als er je zuließ.

Lina beobachtete, wie Jonas spielte: charmant, jederzeit am Drücker, mit einer unheimlichen Präzision, die kalte Begeisterung weckte. Sie musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Vielleicht war auch sie eine Schauspielerin geworden – ihre Auftritte geschmeidiger, ihr Lächeln schärfer.

Doch die Luft veränderte sich. Ein neuer Duft, schwerer als der von teurem Parfum, sickerte hinein. Intuition trieb Lina plötzlich dichter an Jonas heran. „Hast du das gespürt?“, flüsterte sie.

Er blickte über ihre Schulter. Ein Schatten löste sich aus der Menge.

Ein Mann. Groß, mit finsterer Miene und einem Blick, der wie ein Dolch durch den Raum schnitt.

„Verdammt“, murmelte Jonas leise.

Der Fremde warf einen Blick auf Lina, der ihre Haut sofort prickeln ließ. Keine Sekunde zu früh zog Jonas sie etwas zurück, die Maske zurück aufgesetzt.

„Das hier wird interessant“, flüsterte er, ehe der Mann mit entschlossenen Schritten direkt auf sie zukam.

„Lina“, sagte Jonas und legte einen Arm schützend um ihre Taille. „Bleib bei mir. Das Spiel hat gerade eine neue, gefährliche Wendung genommen.“

Lina blickte dem Fremden entgegen, dessen Hals weit sichtbar unter dem perfekten Kragen eines dunkelgrünen Mantels stand.

Und dann, ein Klicken, so leise wie ein Stich, der durch Stille zuckte.

Die Welt um sie herum schien für einen Herzschlag in Schockstarre zu verfallen.

Der ungebetene Gast lächelte kurz – und ein kalter Hauch der Vergangenheit katapultierte Lina mitten hinein in den Albtraum, den sie so verzweifelt zu hinter sich lassen versuchte.

Die Kamera klickte erneut, ein Blitz zuckte.

Alle Augen waren plötzlich auf sie gerichtet.

Der Abend, das Schauspiel, die Fassade – alles.

Und Lina wusste: Dies war erst der Anfang.