Chapter 4
Das flackernde Kerzenlicht warf tanzende Schatten an die Wände des opulenten Salons, aber Lena spürte keine Wärme. Nur ein eisiger Hauch kroch ihr über den Nacken, verwandelte sich langsam in ein Brennen, das sie kaum zuordnen konnte.
Alexander stand ihr gegenüber, die Konturen seines Gesichts verschwommen in der Halbdunkelheit, seine Augen jedoch leuchteten so klar und unverkennbar wie ein vertrauter Stern am Nachthimmel. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als ihr Verstand begriff, was die vage Ahnung in ihr auslöste.
Das war kein Zufall. Kein bloßes Bekanntwerden.
„Ich…“ Ihre Stimme kam kaum über ein Flüstern hinaus, trocken und brüchig. „Du… bist es.“ Sie schluckte schwer, als wollte sie die Worte festhalten, ehe sie entkamen. Doch die Worte hoben ab und schwebten in der Luft, zwischen ihnen wie ein zerbrechlicher Schleier.
Alexander fixierte sie mit einer Mischung aus Überraschung und Faszination. „Lena?“ Er ließ das Glas in seiner Hand auf die goldene Tischplatte plumpsen, die flüssige Flüssigkeit darin balancierte nur einen Moment, dann rann sie wie flüssiges Sonnenlicht langsam den Rand hinunter.
„Du bist aus meiner Kindheit… aus meinen Träumen“, flüsterte sie, ohne sicher zu sein, ob so etwas wirklich ausgesprochen werden durfte. Bilder blitzten auf in ihrem Kopf: Ein Sommerfest auf dem alten Landgut der Bergmanns, Kinderlachen, das Licht einer fernen Dämmerung und zwei kleine Hände, die sich zufällig berührten – kurz, flüchtig, und doch mehr als nur ein Spiel.
Konnte das sein? Konnte Alexander wirklich der Junge sein, dessen Gesicht sie so lange vor sich verborgen hatte, aus Angst, es könnte alles zerstören, was sie zu schützen versuchte?
Sein Lächeln war warm und verletzlich – ganz anders als der eisige Schatten, den er vorhin geworfen hatte. „Ich habe dich gesucht… über all die Jahre. Ohne zu wissen, dass du es sein würdest.“
Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Nicht aus Freude, sondern aus Furcht. Denn solch eine Begegnung war kein Zufall. Sie wusste, wie die Fäden der Macht in dieser Stadt gezogen wurden, wie jeder Schritt ein Schachzug im Spiel um Kontrolle und Verrat ist.
„Warum jetzt?“ fragte sie, das Misstrauen in ihrer Stimme kaum zu verbergen.
Alexander trat näher, die Distanz schmolz wie Schnee in der Sonne. „Weil ich dich brauche. Nicht nur deine Schönheit oder deine Verbindungen, sondern dich – genau dich, Lena. Die Lena, die ich kenne, die du warst.“
Sie wich einen Schritt zurück, fing sich an ihrem Samtsofa. Der Geschmack von Verzweiflung brannte auf ihrer Zunge. Sie wollte glauben, dass dahinter mehr steckte als eine weitere Intrige.
Doch da war dieser Moment, ein Funke Anerkennung in seinen Augen, der ihr nicht erlaubte, alles als Lüge abzutun.
„Was ist mit all dem dazwischen?“ Ihre Stimme senkte sich zu einem bitteren Tonfall. „Unsere Leben haben sich verändert, Alexander. Du bist nicht mehr der Junge von damals. Und ich bin nicht mehr das Mädchen, das du gekannt hast.“
Er nickte, und ein Schatten durchzog sein Gesicht. „Ich weiß. Aber die Vergangenheit lässt uns nicht los. Nicht, wenn sie so tief eingegraben ist wie ein Wurzelwerk aus Hoffnung und Schmerz.“
Dort standen sie. Zwei Seelen, die von Zeit und Schicksal auseinandergerissen waren, doch nun an einem Scheideweg.
Ein leises Klirren ließ sie beide aufschrecken. Die Tür zum Salon öffnete sich schwerfällig, und Maximilian trat ein. Seine dunklen Augen blitzten kalt und unerbittlich. „Ah, da seid ihr ja beide. Ich wollte schon melden, dass das Abendessen beginnt.“
Lena beobachtete, wie Alexander sich langsam von ihr löste, seine Miene einen Schatten verbarg, den nur sie zu lesen verstand.
Maximilian lächelte, doch das Lächeln erreichte nicht seine Augen. „Eine bemerkenswerte Begegnung, nicht wahr?“ Seine Stimme triefte vor Zwiespalt.
Lena wollte etwas sagen, doch ihre Worte blieben hängen. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, denn in diesem Moment wurde ihr klar:
Die Vergangenheit war nicht nur ein blasser Schatten, es war ein lebendiges Feuer, das alles zu verbrennen drohte.
Und die wichtigste Frage schwebte wie ein ungelöstes Rätsel in der Luft:
War Alexander wirklich ihre verlorene Jugendliebe – oder nur ein weiteres Spiel in einem tödlichen Vertrag?