Chapter 5
Das Knistern in der Luft zwischen ihnen war unüberhörbar, ein Funke, der sich in der dichten Stille nach ihrem letzten Blickkontakt auszubreiten schien. Lena spürte, wie sich ein unruhiges Pochen in ihrer Brust gegen die Enge des Korsetts stemmte, das sie bei diesem ersten offiziellen Ball in Viktor Krügers Welt trug. Die schwere Seide schmiegte sich kühl an ihren Rücken, doch ihre Gedanken brannten heißer als das Champagnerglas in ihrer zitternden Hand.
Viktor stand einen Schritt entfernt, die Schultern gerade, die Augen scharf wie ein Raubvogel, der seine Beute musterte. Um sie herum wirbelten die Spitzen der Haute-Society in goldverzierten Kleidern und maßgeschneiderten Anzügen – ein glänzender Pool aus Macht und Status, in dem Viktor souverän zu tauchen schien. Für Lena war es ein abgründiges Schauspiel, schön und unnahbar wie ein Diamant, dessen Kanten jedoch gefährlich scharf waren.
„Du bist fehl am Platz, Lena“, flüsterte Viktor mit einer Stimme, die mehr versprach als sie warnte. „Aber genau das macht dich interessant.“
Die Worte brannten in ihr wie Feuer auf der Haut, nah und doch unerreichbar. Lena hob das Kinn, der Blick würdig und herausfordernd, obwohl ein Teil von ihr vor Furcht erstarrte. „Vielleicht“, sagte sie leise, „aber ich bin hier, um die Fragen zu stellen. Nicht um Antworten zu liefern.“
Viktor lächelte dünn, ein Schatten über seinen Zügen. „Die Wahrheit ist oft unbequem, Lena. Bist du bereit, ihr den Preis zu zahlen?“
Das Gespräch wurde von einer Stimme unterbrochen, die durch den prunkvollen Saal schnitt. „Herr Krüger, Ihr nächster Termin wartet.“
Viktors Blick glitt zu der eleganten Sekretärin, bevor er sich wieder Lena zuwandte. Seine Hand straffte sich und umklammerte ihren Unterarm leicht, so dass sie das heiße Gewicht seiner Kontrolle spürte. „Komm mit“, befahl er.
Sie hatte keine Wahl.
Der Ball mutierte hinter ihnen zu einer ferngesteuerten Geräuschkulisse. Die nächsten Stunden waren ein Tanz auf einem Messergrat, geführt von Viktors kühler Eleganz und ihrer eigenen unsicheren Haltung. Lena lernte schnell: Unter der Lolita-artigen Verblendung aus Glitzer und Champagner floss ein brutal kalkulierter Strom aus Macht und Hinterlist.
Viktor präsentierte sie den einflussreichsten Gestalten – Politikern, Kunstmäzenen und skrupellosen Unternehmern. Seine Hände gaben ihre kaum noch frei, als wolle er sie vor der Welt schützen – oder sie festhalten. Jedes Lächeln war ein Zug in einem Spiel, dessen Regeln nur er kannte. Sein Imperium war ein Geflecht aus Gefälligkeiten und Bedrohungen, und Lena schimmerte plötzlich wie eine weitere Spielfigur darin.
Doch tief in ihr brodelte eine andere Flamme. Die Erinnerung an ihren vermissten Bruder, die vergrabenen Geheimnisse ihrer Familie drängten sie vorwärts. Ein leises Ziehen am Herzen, unerklärlich und doch sternenklar.
In einem luxuriösen Nebenraum, abseits vom prasselnden Gelächter und der Musik, hielt Viktor sie plötzlich fest und sah ihr in die Augen, so durchdringend wie ein Richter. „Wir haben nur das, was wir verteidigen können“, sagte er, fast so leise, dass sie sich fragte, ob sie es sich eingebildet hatte.
„Und was wirst du tun, wenn man dich angreift?“ fragte sie zurück, die Stimme brüchig, aber entschlossen.
Er lächelte kalt. „Ich werde alles tun. Alles.“
Die Sekunden dehnten sich. Lena spürte, wie ihr Herz schneller schlug, nicht aus Angst, sondern aus diesem süßen, gefährlichen Nervenkitzel. Wie weit würde er gehen, um sein Imperium zu schützen? Und vor allem – wo stand sie in diesem Spiel?
Ein leises Klicken am anderen Ende des Raumes ließ sie beide erstarren.
Die Tür schwang auf.
Ein Schatten trat durch den Türrahmen.
Und Lena wusste plötzlich: Das Spiel hatte gerade erst begonnen.