Chapter 6
Die Kälte sickerte tief unter Lenas Haut, als die Stimme im Dunkeln verkroch sich wie ein Schatten zwischen ihr und der Flucht. Ihr Herz schlug einen wilden Rhythmus gegen den Brustkorb, doch das Kribbeln in ihren Händen erstickte kein Zittern. Stattdessen sammelte sie sich, ihre Augen tasteten das Halbdunkel ab.
„Lena,“ hauchte die Stimme erneut, dieses Mal näher, geflüstert wie ein geheimes Versprechen und zugleich eine Drohung, „komm mit mir.“
Ein scharfer Duft von Vanille und Leder schwebte in der Luft – etwas unerwartet Sanftes inmitten der eisigen Atmosphäre des Büroraums. Lena zögerte, dann folgte sie hinein in die schmale Ausbuchtung hinter der Tür, den Blick wachsam, die Finger zu Fäusten geballt.
Eine schlanke Gestalt trat ins Licht, die Schatten legten ein sanftes Relief auf das kantige Gesicht. Braune Augen, tiefgründig und ruhig, musterten sie durch halb geschlossene Lider. „Du siehst aus, als hättest du den Atem des Donners eingeatmet,“ murmelte die Fremde mit einem wachen Unterton. „Ich bin Klara von Berg.“
Der Name ließ Lena schier erstarren. Von Berg. Erik. Das Familienemblem war wie ein eiserner Ring um ihr Herz. „Die Schwester von...“ Der Satz blieb halb in der Luft hängen.
Klara nickte, ein feines, trauriges Lächeln spielte um ihre Lippen. „Genau. Niemand hier erwartet dich. Und schon gar nicht Freundlichkeit.“ Sie trat näher, die Stimme sank zu einem geflüsterten Ton, der mehr von Vertrautheit als von Distanz erzählte. „Aber ich sehe, was sie dir angetan haben. Diese Stadt ist ein Spiegel aus gebrochenem Glas – zerkratzt von Machtspielen.“
Das Gefühl, endlich Verbündete zu finden, war so fremd, dass es kurz ihre Fassung ins Wanken brachte. „Warum sollte ich dir trauen? Du gehörst zu ihnen.“
„Ich gehöre zu keiner Seite mehr.“ Klaras Blick wurde schärfer, durchdringend wie ein Messer aus Eis. „Mein Bruder will dich zerstören, ja. Aber das ist nicht das einzige Spiel, das hier gespielt wird. Und du bist eine Spielfigur in einem Kampf, der viel größer ist als du oder ich.“
Lena ballte die Hände. Sicherheit war eine dünne Linie, die sich unter den Füßen auflöste. „Was willst du von mir?“
„Eine Allianz. Eine, die beiden von Nutzen sein kann.“ Klara griff in ihre Tasche und zog ein kleines, zerknittertes Foto hervor. „Siehst du ihn?“
Lena nahm das Bild, das einen Mann mit strengem Blick zeigte. „Markus Hellmann.“
„Richtig.“ Klara ließ das Foto auf den Tisch gleiten. „Er ist der Schatten, der über allem liegt. Deine größte Bedrohung und die meines Bruders – doch auf unterschiedliche Weise.“
Das Schweigen, das folgte, war schwer, durchbrochen nur von dem entfernten Klang der Stadt, der gedämpften Sirenen und fernen Verkehrshupen.
„Ich weiß, was mit deiner Familie passiert ist,“ sagte Klara schließlich. „Und ich weiß auch, dass du mehr bist als nur die Anwältin, die sie zerstören wollen. Markus hat Feinde – und Verbündete. Wenn du auf seiner Liste stehst, bist du nicht die Einzige. Deshalb muss man aufpassen, wem man vertraut. Und darauf vorbereitet sein, dass der schlimmste Verrat aus dem nächstgelegenen Kreis kommt.“
Lena schluckte. Der Raum schien enger zu werden, die Wände flüsterten von Intrigen, die undurchdringlich waren wie Nebel. „Du willst also, dass ich dir glaube?“
Klara trat einen Schritt zurück, die Schultern entspannt, doch die Augen blitzten vor Entschlossenheit. „Nein, ich will, dass du dir selbst vertraust – und dass du nicht alleine dastehst.“
Ein leises Klopfen an der Tür ließ beide abrupt innehalten. Lena erstarrte, die Gedanken rasten. Klara war nicht nur eine Schwester, die sich aus dem Schatten wagte, sondern auch eine Warnung. Eine Warnung vor einem Verrat, der näher war als jede Feindin draußen.
„Du hast keine Ahnung, wem du wirklich gegenüberstehst,“ flüsterte Klara, während die Klinke sich drehte.
Das Licht flackerte. Die Tür öffnete sich langsam.
Und dahinter stand niemand, den Lena erwartet hätte.