Chapter 4
Das Klopfen hallte noch einen Moment nach, während sich Lena wie erstarrt inmitten des großen, kühlen Flurs befand. Das dumpfe Echo der Schläge schien sich in ihren Pulsschlägen zu spiegeln, die plötzlich so laut waren, dass sie fürchtete, jeder Trommelschlag ihres Herzens könne jede Anwesenheit anzeigen, die sich im Schatten verbarg.
Sie atmete tief ein, ihre Fingerspitzen krallten sich unwillkürlich in den Stoff ihres Mantels. "Wer ist da?" Ihre Stimme war rau, fast flüsternd, wie ein Hauch im Raum, der zu schnell verklingt, um wirklich festgehalten zu werden.
Stille. Nur das gedämpfte Summen der Klimaanlage und das entfernte Gleiten von Reifen über Asphalt erfüllten den Raum. Die Tür stand halb geöffnet, Schatten tanzten vor dem schummrigen Licht der Flurlampe, warfen Spiegelbilder von Unsicherheit an die Wände.
Lena schob die Tür mit einem zögerlichen Ruck weiter auf. Niemand. Ein leerer Flur begrüßte sie, die makellosen Marmorfliesen kühl unter ihren Absätzen. Gegen das weiße Licht fielen ihre Augen auf die metallisch glänzende Säule an der Wand, ein abstraktes Kunstwerk, das eigentlich Ruhe und Ordnung symbolisieren sollte – doch jetzt fühlte es sich wie ein stummer Zeuge an, der ihre Unsicherheit zu verspotteln schien.
Ein winziger Luftzug strich durch die Villa, ein leises Flüstern, das ihre Haare zum Tanzen brachte. Sie schloss die Tür hinter sich mit einem Klick, schloss einen Moment lang die Augen, spürte den Druck von Verantwortung und Angst, der auf ihren Schultern lastete. Dann wandte sie sich um und begann, den Flur entlangzugehen, als könnte das Vorwärtsschreiten ihre Panik zerstreuen.
Der Raum öffnete sich zu einem beeindruckenden Salon; lange Fenster reichten bis zur Decke und ließen das Abendlicht in goldenen Streifen auf den polierten Holzboden fallen. Sie bemerkte die sorgfältig arrangierten Kunstwerke an den Wänden – jede Leinwand scheinbar in einem Dialog mit dem nächsten, als wollten sie ein Geheimnis bewahren, eine Geschichte erzählen, die nur Eingeweihte verstehen konnten.
Doch Lena sah mehr. Ein verkohlter Fleck im Parkett, versteckte Kratzer an einer antiken Kommode, deren Oberfläche normalerweise wie polierter Obsidian glänzte. Eine Spinne Netz, sorgfältig und doch vernachlässigt, in einer Ecke neben einer schweren Samtvorhang.
Sie schob einen Vorhang zur Seite und blickte auf den weitläufigen Garten, der jetzt unter der einbrechenden Dunkelheit in gespenstische Schatten getaucht war. Ein leises Rascheln ließ sie erstarren, ihr Herzschlag riss erneut aus der gefangenen Stille wie ein entfesseltes Tier.
Schnell drehte sie sich um — kein Mensch weit und breit. Doch als sie nach Luft schnappte, spürte sie, wie endlose Blicke über ihre Schulter glitten, obwohl niemand zu sehen war.
Ihre Finger legten sich um den Griff einer schweren Holztruhe, die in einer der Sitznischen stand. Als sie den Deckel anhob, kam ihr ein muffiger Geruch entgegen, durchdrungen von der Schwere vergangener Zeiten. Darin lagen vergilbte Briefe, Fotografien aus einer anderen Ära, Dokumente, die Zeugnisse einer Geschichte zu sein schienen, die Alexander mit großem Verlangen zu verbergen versuchte.
Sie zog einen Brief hervor, die schwarz gedruckte Schrift schien mit jedem Buchstaben lebendig zu werden, Worte voller Leidenschaft und Drohung zugleich. Ein Geheimnis, tief in der Vergangenheit der Villa verwurzelt, das eine Verbindung zu ihren eigenen Verdrängungen aufzubauen schien, als ob ihre Leben schon lange untrennbar miteinander verflochten waren.
Plötzlich vibrierte ihr Telefon in der Tasche. Lena blickte auf das Display — keine Nummer, nur ein kurzes, verschlüsseltes Signal. Ihr Verstand raste. Wer hatte sie beobachtet? Wer sendete diese Botschaft?
Ein leises Knarren durchbrach die Stille. Von einem Lichtstrahl durchbrochen, schälte sich eine Bewegung aus dem dunklen Flur heraus, eine silhouette, die kaum mehr als ein Schatten war, aber für Lena fühlte es sich an wie eine Präsenz, die ihr ganzes Wesen umklammerte.
Ihre Brust zog sich zusammen. Sie konnte nicht fliehen, nicht jetzt. Der Raum schien sich zu verengen, als ob die Mauern selbst atmeten und auf ihr schwebendes Geheimnis warteten.
Ein Schatten trat einen Schritt vor.
Und dann wurde Lena bewusst: Sie wurde beobachtet — und diesmal war es kein Zufall.