Chapter 7
Das Flackern der Straßenlaternen zeichnete zitternde Schatten an die kahlen Wände des Ateliers. Emilia stand am Fenster, den Blick starr nach draußen gerichtet, obwohl die trübe Dunkelheit ihres Ausblicks nichts als Reflexionen ihrer inneren Unruhe bot. Das Echo von Lucians Worten, noch brennend in der Luft, hallte in ihrem Kopf wider, während ihr Herz gegen die Brust schlug, laut und unstet.
Seine Hand hatte ihre berührt — so flüchtig, und doch aufgeladen mit einer Spannung, die sie längst vergessen glaubte. Sie spürte noch die Wärme, das fast unmerkliche Zittern, das durch ihre Fingerspitzen schoss, als hätten ihre Nerven unvermittelt ein anderes Programm gestartet. Emilia schloss die Augen, fühlte das dumpfe Pochen hinter den Lider, als wollte ihr Körper den Moment festhalten, gegen die Gewissheit, dass er zu gefährlich war, um sich darauf einzulassen.
„Emilia?“ Die Stimme war tief, rauchig, ein Klang, der durch das Halbdunkel glitt und die Luft zwischen ihnen anzündete.
Sie drehte sich langsam um, die Lippen zu einem fragilen Lächeln geformt, das mehr verletzlich als einladend wirkte. „Ja?“
Lucian stand im Türrahmen, die Schultern angespannt, doch seine Augen vermieden ihren Blick. In ihnen lag ein Kampf — zwischen Kontrolle und einem Verlangen, das er weder leugnen noch rechtfertigen konnte.
„Ich... wollte nur prüfen, ob alles in Ordnung ist,“ sagte er und machte einen Schritt näher, als zöge ihn die Schwerkraft ihrer gemeinsamen Geheimnisse magnetisch an.
Ihre Brust hob sich schnell, doch das Gefühl blieb unterdrückt, wie ein Sturm unter einem dünnen Eisdeckel. Emilia senkte den Kopf und ließ den Blick über die verstreuten Leinwände gleiten, die abstrakten Formen schienen ihre eigene Verwirrung widerzuspiegeln. „Es ist alles... kompliziert.“
„Kompliziert?“ Lucian trat an ihren Tisch, griff nach einem zerknitterten Skizzenblock. Seine Finger strichen gedankenverloren über die Linien, als wollte er darin Antworten finden, die er nicht laut aussprechen durfte. „Das Leben mit mir ist nie einfach, das weißt du.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, und doch hatte sie die Kraft, Wände einzureißen.
Emilia hob den Kopf. „Manchmal frage ich mich, ob das, was wir haben, überhaupt echt ist.“ Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. „Ob du mich wirklich siehst, oder ob ich nur eine Schachfigur in deinem Spiel bin.“
Er lächelte bitter, ein Ausdruck voller Schmerz und Besessenheit zugleich. „Vielleicht beides. Aber ich sehe mehr, als du ahnst.“
Das Schweigen, das folgte, war schwer und dicht, gefüllt mit allem, was unausgesprochen blieb — Ängste, Hoffnungen, Lügen und Wahrheiten. Eine letzte Eifersucht, die sich kaum bändigen ließ, schwebte in der Luft, verhüllte die Wahrheit hinter einem Schleier aus Vorsicht.
Emilia spürte, wie ihre Finger um die Kante des Tisches krampften. „Ich will nicht noch einmal verletzt werden,“ hauchte sie, die Worte kaum mehr als ein verlorener Atemzug im Raum.
Lucians Schritt war langsam, bedächtig, doch als er plötzlich vor ihr stand, in einer Entfernung, die die Luft zum Flirren brachte, schien die Zeit stillzustehen. „Ich auch nicht,“ sah er sie direkt an, „aber wie lange können wir dieses Spiel weiterspielen — ohne dass die Mauern, die wir um unsere Herzen gebaut haben, einstürzen?“
Ein kalter Wind zog durch die geöffnete Terrassentür, mischte sich mit der Hitze zwischen ihnen. Emilia errötete, ein feines Glühen hinter der Haut, während ihr Blick sich senkte. „Vielleicht... ist es schon passiert.“
Die Stille brach mit dem schrillen Klang des Handys. Ein grelles Licht schnitt durch das Halbdunkel, verband sich mit dem dumpfen Pochen in ihren Adern. Lucian griff nach dem Gerät, die Stirn in Falten gelegt. „Wir werden sehen, wie weit das Spiel noch geht, Emilia.“
Sein Blick verharrte auf der Nummer, die auf dem Display aufleuchtete — ein unbekanntes Zeichen, dessen Bedeutung ihre unausgesprochenen Gefühle überschattete.
Mit einem letzten Blick, schwer vor all den Worten, die sie nicht sagten, drehte er sich zum Gehen um.
Emilia hörte nur das Knarren des Parketts unter seinen Schuhen, den Schatten, den er hinterließ, und das kaum hörbare Flüstern ihres verletzten Herzens: Wie lange können sie diese Grenze halten — zwischen Nähe und Distanz?