Chapter 6
Die Tür surrte leise hinter ihnen zu, und für einen Moment umhüllte die Dunkelheit den Flur wie ein undurchdringlicher Schleier. Emilia spürte den kühlen Hauch des Abgrunds in ihrem Rücken, während ein Flirren aus tausend Gläsern und gedämpften Stimmen aus dem Festsaal drang. Ihr Herz schlug so laut, dass sie fürchtete, man könne jeden Schlag hören.
Leonhardt griff nach ihrer Hand – seine Finger waren fest, fast besitzergreifend, doch darin lag auch eine unerwartete Wärme. „Bereit?“ Seine Stimme war ein raues Flüstern, getragen von einer Mischung aus Herausforderung und Beschwörung.
Sie nickte stumm, warf einen schnellen Blick an sich herunter. Das tiefe, schimmernde Blau ihres Kleides verschluckte die Schatten, ihre Haut schien im Licht der Kronleuchter fast durchsichtig. Sie war nicht nur die Erbin eines Imperiums, sie war heute Abend eine Botschafterin einer Welt, die sie zugleich berauschte und erdrückte.
Der Saal war ein Meer aus Seide, Samt und glänzendem Glas – Münchner Elite in all ihrer Pracht. Gelächter perlte wie Champagnerkorken, während Kellner mit silbernen Tabletts wie Geister zwischen den Gästen schwebten. Ein Orchester entfaltete eine waagrechte Welle aus Klavierklängen und dezentem Streicherhauch.
Leonhardt zog sie weiter, vorbei an bekannten Gesichtern, die sie mit wissendem Blick musterten – mal freundlich, mal spöttisch, oft berechnend.
„Emilia, meine Liebe.“ Eine Stimme trillerte elegant und doch scharf. Eine Frau mit geschliffenen Zügen und einem Lächeln, das Messer verbarg, trat an sie heran. „Was für ein Premier! Du weißt, dass jeder Blick auf dich ruht.“
Emilia spürte, wie ihre Schultern sich verspannte. „Ich hoffe, ich enttäusche nicht.“
Die Frau lachte leise, fast triumphierend. „Das wirst du nicht. Die Erwartungen steigen bei jeder Präsentation.“
Als sie weitergingen, schob sich der Blick eines Mannes durch die Menge – dieser Blick, der wachsam und kalt war, der zu viel wusste. Emilia wurde plötzlich bewusst, wie der Raum sie nicht nur mit Prunk, sondern auch mit unsichtbaren Netzen füllte.
Leonhardt zog sie sanft zurück in den Lichterglanz. „Du bist stärker, als du glaubst. Lass die Schatten reden, nicht dich.“
Doch die Schatten bewegten sich näher.
Jemand saß in der Dunkelheit des Nebenzimmers, die Hände vor sich ineinander verschränkt. Die Augen, schmal und messerscharf, fixierten Emilia und Leonhardt mit einer Intensität, die wie ein leises Versprechen klang.
Wer war dieser Beobachter? Und warum schien seine Präsenz die Glanzwelt des Abends in einen Tummelplatz für offene und verborgene Kriege zu verwandeln?
Ein weiteres Glöckchen kündigte das Erscheinen eines neuen Gastes an. Doch bevor die Tür sich öffnete, blieb die Zeit einen Herzschlag lang stehen.
Die Nacht hatte noch lange nicht ihren ersten Akt beendet.