Chapter 7
Lina saß noch immer reglos auf dem kantigen Ledersessel im Arbeitszimmer von Alexander, die Hände tief in den Schoß gefaltet. Die Dunkelheit der Stadt hatte sich wie ein schwerer Schleier über die Fenster gelegt, doch im Raum brannte das kalte Licht der Deckenlampe, das jedes kleinste Detail ihres entfesselten Herzensschlags einzufangen schien.
Ihr Atem ging stockend, als ihre Finger zittrig den Umschlag auf dem wuchtigen Eichentisch vor sich drehten. Seit Stunden, seit Alexander gegangen war, konnte sie sich nicht von diesem einen Dokument lösen: dem Ehevertrag. Das Spiel mit ihrer Zukunft, zwischen Aktenordnern und Paragraphen versteckt, war eine Waffe. Eine Waffe, von der sie sich kaum träumen ließ, dass sie ihr gehören könnte.
Sie starrte auf die Worte, die sich wie ein Netz um ihre Seele legten. Und dann, just als sie das Vertrauen in die weitere Zukunft nahezu verloren hatte, entdeckte sie es. Eine Klausel – unscheinbar platziert, in feiner Schrift, fast überlesen in der hektischen Jagd der letzten Wochen.
„§ 17b – Sonderklausel zur gegenseitigen Einschränkung der Verfügungsmacht im Falle eines Vertrauensbruchs“ – las Lina leise, ihre Stimme eine Mischung aus Erstarren und aufkommender Feuerkraft.
Da stand es schwarz auf weiß. Ein Mechanismus, der ihr in der Falle nicht nur die Füße fesselte, sondern ihr – wenn sie mutig genug war – Zügel und Peitsche gleichzeitig in die Hand geben konnte.
Sie legte den Vertrag beiseite, das Blatt vibrierte leicht in ihrer Hand. Kalte Luft schnitt durch die halbgeöffnete Balkontür, als eine Brise hereinwehte, die den Busen ihres leichten Kaschmirpullovers zum Flattern brachte. Die Neonlichter der Stadt spiegelten sich auf dem massiven Marmorboden. Doch Lina fühlte sich zum ersten Mal seit langem mächtig. Nicht ausgeliefert.
Gleichzeitig kroch ein eisiger Schauer ihren Rücken hoch. Was bedeutete diese Macht wirklich? Konnte sie einem Mann wie Alexander von Falkenholt – so skrupellos, so verschlossen – jemals wirklich Paroli bieten? Ihr Herz schlug schneller, während der Gedanke sie gleichzeitig erschreckte und elektrisierte.
Dann vibrierte ihr Handy. Lina zuckte zusammen, der plötzliche Ton schnitt wie ein Messer durch die Stille. Die Nummer war unbekannt, aber die Art, wie sich ihr Puls schockartig erhöhte, zeigte ihr, dass es wichtig war. Vorsichtig, fast mechanisch, wischte sie über das Display. Eine Nachricht erschien:
„Wir wissen, was du für dich entdeckt hast. Denk daran, nichts bleibt geheim, Lina. – A“
Der Anruf blieb unbeantwortet, doch in ihrem Kopf raste alles. War das Drohung? Spiel? Herausforderung? Sie schloss die Augen und ließ den hektischen Klang der Stadt tiefer in sich einsickern – das entfernte Klingeln von Verkehr, das kräftige Wummern aus einem Nachtclub, das leise Heulen eines Windstoßes zwischen den Hochhaustürmen.
Plötzlich war da in ihrem Inneren keine Schwäche mehr, nur noch der heiße Kern aus Kampfgeist und Entschlossenheit.
Lina nahm den Vertrag, faltete ihn langsam auseinander – ihr nächster Zug musste sitzen.
„Wenn ich diese Klausel spiele... wenn ich ihn an den Rand dränge... was werde ich dann gewinnen? Was werde ich verlieren?“
Ihr Blick flog zum Spiegel gegenüber, dort sah sie sich selbst – erschöpft, rostrote Haare wirr um das Gesicht, die Augen dunkel vor Konzentration.
Dann lächelte sie knapp. Dieses Spiel hatte erst begonnen – und diesmal, diesmal würde sie nicht verlieren.
Die Tür öffnete sich einen Spalt weit. Ein Schatten huschte vorbei, die Klinke bewegte sich kaum merklich.
„Lina?“, hauchte eine Stimme, weich und gefährlich zugleich.
Ihr Herz setzte aus.
„Wie wirst du diese neue Macht nutzen?“
Ein lautes Klopfen folgte.