Chapter 3
Der Chauffeur öffnete die Tür des schwarzen Limousinenwagens und wartete wortlos, während Lina noch einen Moment zögerte. Ihr Herz hämmerte unregelmäßig gegen ihre Rippen, als wollte es ausbrechen und fliehen vor dem Glanz, der hinter der gespiegelten Scheibe des Wagens verborgen lag.
Alexander von Falkenholt saß bereits auf dem Ledersitz, die Finger straff ineinander verschränkt, das Gesicht ein perfektes Gemälde aus kühler Distanz und unergründbarer Macht.
„Steigen Sie ein, Frau Weber“, sagte er knapp. Seine Stimme war tief, doch sein Blick verriet eine Mischung aus Belustigung und Herausforderung, die Lina schaudern ließ, obwohl sie sich das nicht eingestehen wollte.
Mit einem letzten Blick in die Nacht stieg sie in das kalte Innere des Wagens. Die Klimaanlage pustete kühle Luft, die ihr Herz für einen Moment beruhigte, bevor die Realität sie erneut packte.
Alexander ließ den Wagen anrollen. Die Straßen der Stadt zogen hinter den getönten Scheiben vorbei – grelles Neonlicht, der verlockende Duft nach Asphalt und Regen, das sumpfige Murren der Stadt, die niemals schläft. Doch mit jedem Kilometer schien sie weiter wegzudriften von ihrer Welt, aus der einfachen Designerin, die sie war – hinein in ein Labyrinth aus Seide, Stahlhärte und dunklen Geheimnissen.
„Warum ich?“, platzte es aus ihr heraus, während sie nervös mit den Fingerspitzen den Reißverschluss ihrer Jacke spielte.
Alexander drehte sich kaum zu ihr um, seine Mimik blieb undurchsichtig. „Weil Sie brauchen, was ich bieten kann – und ich brauche, was Sie verstecken.“ Seine Stimme war nahezu ein Flüstern, doch darin lag das Gewicht einer Maschine, die unerbittlich läuft.
Der Wagen hielt vor einem Gebäude, das alles übertraf, was Lina zuvor gesehen hatte. Ein Palast aus Glas und poliertem Marmor, dessen Fassaden im Licht der Flutlampen wie flüssiges Silber wirkten. Der Eingang war gesäumt von massiven Säulen, die in der Dunkelheit wie Wächter aufragten.
„Willkommen in der Welt von Falkenholt“, sagte Alexander müde. „Hier spielt Macht das Spiel, das Sie nie erlernt haben.“
Der schimmernde Teppich unter ihren Schritten dämpfte das Geräusch ihrer Schuhe. In der massiven Empfangshalle brachte der Duft von Teakholz und schwerem Leder Lina zum Schwindeln. Doch bevor sie soweit war, trat eine Frau in makellos geschnittener Robe aus der Schattenflut hervor.
„Madame Weber, ich bin Claudia, Ihre Ansprechpartnerin hier. Wir erwarten Sie bereits.“ Ihre Stimme war samtig, mit der spröden Kälte eines Diamanten.
Lina nickte geduckt, während Alexander schweigend an ihr vorbeiging, der kathedralenartige Raum weithin mit kristallenen Lüstern erleuchtet.
„Wirst du es aushalten?“ Die Mädchenstimme hallte kaum hörbar in ihrem Kopf, eine Erinnerung an Tage, an denen sie noch frei war.
„Ich muss“, flüsterte sie sich selbst zu, während Claudia sie an die Seite führte, weg von der Repräsentanz, hinein in die inneren Schatten des Anwesens.
Sie trafen auf den Salon – eine Mischung aus moderner Architektur und antiken Kunstschätzen. Überall hingen Porträts von Ahnen, deren steinerne Augen Lina zu verfolgen schienen, während sie sich weiter vorantastete.
Alexander betrat den Raum langsam, die Haltung eines Mannes, der jeden Zentimeter dieses Hauses wie seine eigene Haut kannte. „Dort oben wartet Ihr neuer Arbeitsplatz“, sagte er und deutete auf die schlichte Tür am Ende des Gangs. „Und dort unten, im Keller, werden auch Geheimnisse aufbewahrt.“
Lina schauderte bei der Erwähnung des Kellers. Etwas an seiner Betonung ließ ihr den Atem stocken.
„Was für Geheimnisse?“, fragte sie, obwohl ihr die Antwort Angst machte.
Alexander fixierte sie, seine Augen blitzten scharf und unerbittlich. „Nicht alle können an das Licht.“
Das Gewicht dieser Worte ließ den Raum dichter werden. Lina spürte, wie die Fassade aus Glamour Risse bekam, unter der sich etwas Unaussprechliches verbarg.
Die Tür zum Atelier öffnete sich wie ein Versprechen und zugleich eine Drohung. Dort warteten schon Skizzen, Stoffproben, und die glamouröse Erwartung, mit der sie ihre Familie retten konnte – aber zu welchem Preis?
Der Klang einer schweren Tür, die im Hintergrund ins Schloss fiel, riss Lina aus ihren Gedanken.
„Kommst du mit?“, fragte Alexander und wartete nicht auf eine Antwort.
Mit klopfendem Herzen folgte sie ihm in die Schatten des Hauses, unsicher, ob sie bereit war, die dunkle Wahrheit zu sehen, die unter dem Glanz lag und jeden Strahl von Licht zu ersticken drohte.
Ein Knarren ließ sie abrupt erstarren. Im Keller, tief unter den Marmorstufen, trugen die Wände die leisen Schreie längst vergrabener Geheimnisse.
Und genauso wie die Schatten dort fühlte sich Lina selbst an – gefangen, ungewiss, doch unwiderruflich hineingezogen.