Chapter 2
Das leise Knistern am anderen Ende der Leitung ließ Lara erstarren. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, als suche es einen Weg hinaus aus der klaustrophobischen Enge, die sich in ihrer Brust ausgebreitet hatte. Kein Wort, nur das kaum hörbare Flüstern, ein hauchzarter Schatten, der sich in ihr Bewusstsein zog – süß und gefährlich zugleich.
Sie atmete tief durch, öffnete die Augen und spürte die Kälte des Laminatbodens unter den Handflächen, als sie sich langsam aufsetzte. Der Raum, der vor wenigen Sekunden noch wie ein sicherer Hafen wirkte, lag jetzt in einem diffusen Dämmerzustand zwischen Angst und Hoffnung. Ein einziger Anruf, und die Welt schien aus den Angeln zu geraten.
Noch bevor sie das Gespräch beenden konnte, fiel ihr Blick auf den Brief, der immer noch auf dem Couchtisch lag. Die Tinte schien förmlich zu pulsieren, als ob die Worte lebendig würden. Sie hob ihn zögernd auf, spürte das matte Pergament zwischen den Fingern und lies die Sätze noch einmal in ihrem Kopf Revue passieren.
„Lara, ich brauche deine Hilfe“, hatte die letzte Zeile geheißen. So banal und doch so erschütternd.
Das Summen ihres Handys unterbrach ihre Gedanken erneut. Eine Nummer, die sie nicht kannte. Ohne zu überlegen, nahm sie an.
„Frau Winter? Hier spricht Viktor Engel.“ Die Stimme am anderen Ende war samtig, von einer unterschwelligen Autorität durchdrungen, die kaum jemand zu kontrollieren vermag, der nicht geboren wurde, um zu herrschen. „Ich weiß, dass Sie Fragen haben. Ich habe Antworten. Aber nicht hier, nicht jetzt. Treffen Sie mich heute Abend im ‚Luxor’ – meinem Büro. Acht Uhr.“
Ein kurzes Schweigen folgte, in dem sich die Zeit dehnte und rotierte. Dann legte er auf.
Lara saß noch Minuten lang reglos da, ihr Verstand raste und doch war sie wie gelähmt. Das „Luxor“ war eine Adresse, die sie kannte – das gläserne Herz der Stadt, in dem Macht und Geheimnisse verschmolzen.
Als die Uhr krachend acht schlug, zog sie ihre Jacke an und trat hinaus in die kalte Nacht. Die Straßen waren bevölkert von Blitzlichtern, schnellen Schritten und dem endlosen Summen von Geschäften, die niemals schliefen. Jeder Schritt auf dem Asphalt hallte in ihrem Kopf wie ein Trommelschlag, der sie näher an etwas zog, das sie weder verstand noch zu fürchten wagte.
Das Luxor war ein monolithisches Gebäude aus Glas und Stahl, dessen Fassade im Licht der Scheinwerfer funkelte wie ein Kristall. Sie stieg in den gläsernen Aufzug, ihr Blick blieb an ihrem eigenen Spiegelbild hängen – die Augen größer als sie sich fühlten, die Lippen fest geschlossen.
Als die Türen sich öffneten, wurde sie von kühler Luft und der schweren Präsenz eines Raumes empfangen, der perfekt orchestriert schien. Massive Ledersessel, polierter Holzboden, und hinter einem monumentalen Schreibtisch saß er – Viktor Engel.
Sein Blick ließ sie nicht los. Dunkel, scharf, als könne er jede Lüge durchschauen. Er stand langsam auf, sein Schritt war sicher und ohne Eile.
„Ich habe Ihr Profil studiert, Frau Winter. Eine talentierte Kunstrestauratorin mit einem geheimnisvollen Hintergrund. Interessant.“ Seine Stimme war glatt wie Seide, doch jedes Wort wog schwer.
Sie verschränkte die Arme, stolz und auf der Hut zugleich.
„Warum ich? Sie haben Dutzende Bewerber. Warum ausgerechnet ich?“ Ihr Ton war scharf, doch das Frösteln in ihrem Nacken verriet ihre Unsicherheit.
Viktor lächelte schwach. „Weil Sie mehr sind als Sie scheinen. Und ich eine Situation habe, die außergewöhnliche Maßnahmen verlangt.“ Er gab ihr ein dünnes Umschlagpaket. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging zu einem großen Fenster, von dem aus man die spektakuläre Skyline der Stadt überblickte.
Lara hörte, wie das Papier raschelte, und zog einige Seiten heraus. Ein Angebot, so kühl formuliert wie ein Handelsvertrag: Eine Schein-Ehe. Ihre Verbindung zu Engel sollte das Familienunternehmen retten – ein untiefes Arrangement, um Konkurrenz auszustechen, Interessen zu bündeln und Feinde zu täuschen.
„Sie wollen mich also kaufen“, sagte sie leise, doch die Worte zitterten vor unterdrückter Wut.
„Ich nenne es eine Allianz.“ Seine Stimme verhallte fast wie ein Flüstern, bevor er sich umdrehte. „Und ich biete Ihnen Schutz. Geld. Einfluss.“
Lara heftete ihren Blick auf ihn, der sie mit einem Hauch von Erwartung durchbohrte. In seinen Augen lag eine dunkle Vergangenheit, von der sie nur das Echo spürte.
„Ich bin keine Marionette, Herr Engel.“
Er nickte, als würde er den Punkt anerkennen, und trat einen Schritt näher. Die Spannung zwischen ihnen elektrisierte den Raum.
„Niemand hat vor, Sie zu kaufen. Nur zu verbünden. Denken Sie an das, was Sie gewinnen können – und an das, was Sie verlieren, wenn Sie ablehnen.“
Sie schluckte, das Gewicht der Entscheidung drückte ihr auf die Brust. Was, wenn sie zu tief tauchte? Zu viele Abgründe barg dieser Mann, zu viele Schatten.
„Ich muss darüber nachdenken“, murmelte sie.
„Bis morgen früh, dann will ich Ihre Antwort.“
Kaum hatte sie das Büro verlassen, quälte sie eine Frage mehr als alles andere: Wer war dieser Viktor Engel wirklich?
Zurück in ihrer kleinen Wohnung schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Das Flüstern vom Telefon hallte in ihrem Kopf wider – süß und gefährlich. Sie griff zu ihrem Laptop, um den Namen „Viktor Engel“ zu googeln.
Ein Screenshot eines Artikels fiel ihr sofort auf: „Skandal am Engel-Imperium – Finanzkrise und geheime Affären“. Sie klickte weiter, und plötzlich führte eine Spur zu einem alten Foto, das Viktor inmitten einer verschwommenen Menschenmenge zeigte. Ein Bild, das nicht zu dem glatten, kontrollierten Mann passte, der ihr gegenübergesessen hatte.
Neben dem Foto prangte ein Textfragment: „...ungeklärte Vorwürfe, mysteriöse verschwundene Partnerin, dubiose Geschäfte im Ausland...“
Ihr Atem stockte, als sie die Zeilen las.
Waren das nur Gerüchte? Oder ein erster Blick hinter die Fassade?
Lara schloss den Laptop und spürte, wie die Schatten der Wahrheit sich langsam um sie schlossen. Ein Pakt mit einem Mann, dessen Vergangenheit ebenso zerstörerisch war wie die Stadt selbst.
Vor ihr lag ein Weg voller Gefahren.
Und sie brauchte Mut — oder Verzweiflung — um ihn zu gehen.