Chapter 6
Lara sank schwer auf das breite Sofa im Büro, die Beine eng an den Körper gezogen. Die Luft war dicht, fast erstickend, und ihre Finger krampften sich in den weichen Stoff des Kissens. Julian saß ihr gegenüber, die Hände locker ineinander verschränkt, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, während seine Augen über ihr Gesicht glitten, als suchten sie nach einer Antwort, die keine war.
Zwischen ihnen lag die Stille wie ein schwerer Schleier, ein unsichtbares Band, das zugleich Nähe und Distanz schuf.
„Ich habe nicht erwartet, dass es so kompliziert wird,“ murmelte Lara und spürte, wie ihre Stimme ein wenig brüchig klang. Ihre Augen fixierten einen Punkt an der Wand, doch ihr Geist war weit weg – gefangen in all den Fragen, die sich aufbäumten.
Julian lehnte sich vor, die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt. „Woran genau hast du nicht gedacht? An mich? An uns?“
Das Wort „uns“ fiel wie ein schwerer Stein, der plätschernde Wellen in ihr Herz warf. Sie wollte ihm nicht zu nahekommen, wollte keine Brücke bauen, um ihn zu erreichen, aber etwas in seinem Blick war so offen, so verletzlich, dass sie die Mauer um sich herum ins Wanken geriet.
„Ich dachte, eine Vertragsehe wäre nur ein Geschäft. Klare Regeln, klare Grenzen. Keine Emotionen.“ Ihre Stimme wurde leiser, von einem Hauch Unsicherheit begleitet. „Aber da ist mehr. Und es macht mir Angst.“
Julian nickte langsam, als würde er jede Silbe aufsaugen. „Mir auch.“
Ein flüchtiges Lächeln spielte um seine Lippen, ein unbeholfenes, ehrliches Lächeln, das Lara das erste Mal seit Wochen einen Moment lang aufatmen ließ. Die schwerste Last schien kurz zu weichen.
Sie spürte, wie ihre Finger sich längs der Sofaarmlehne bewegten, sanft, unbewusst, suchend nach Halt. Ihre Blicke trafen sich, ein leises, fast zaghaftes Einverständnis, ohne Worte zu benötigen.
„Ich will nicht, dass das hier auseinanderbricht,“ sagte sie. „Auch wenn wir wissen, dass es ein Tanz auf Messers Schneide ist.“
Julian hob eine Augenbraue. „Ein Tanz, ja. Aber vielleicht können wir eine Choreografie finden, die für uns funktioniert.“
Die Worte hingen zwischen ihnen, eine Einladung, eine Herausforderung.
Lara biss sich auf die Unterlippe und stand auf. Ein Knistern lag in der Luft, ein unausgesprochenes Versprechen.
„Ich muss mich sammeln. Morgen ist ein großer Tag für die Firma.“
Julian erhob sich ebenfalls, zog seine Jacke über und folgte ihr zur Tür. „Ich unterstütze dich. Egal, wie das endet.“
Ihre Hände berührten sich kurz, ein flüchtiges Streifen, das Wärme aussandte und gleichzeitig den Sturm im Inneren verstärkte.
Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, war die Luft draußen frisch und kühl, ein scharfer Kontrast zur bedrückenden Atmosphäre im Büro.
Auf dem Weg zu ihrem Apartment spürte Lara, wie Gedanken wie ein unaufhörlicher Strom in ihrem Kopf kreisten. Erinnerungen an die letzten Wochen, an die Abgründe, in die sie gestürzt waren, mischten sich mit einem unerwarteten Hoffnungsschimmer.
Doch kaum war sie in ihrem Wohnzimmer, vibrierte ihr Telefon. Das Display leuchtete auf, den Namen „Julian“ zeigte es an. Sie huschte darüber hinweg, obwohl ihr Herz schneller schlug. Nicht jetzt.
Kurz darauf erzitterte das Gerät erneut. Diesmal eine E-Mail-Benachrichtigung. Automatisch öffnete sie sie auf dem Laptop.
Der Absender war anonym, doch die Signatur war eindeutig: „J.V.“
Laras Augen huschten über die erste Zeile:
„Was du nicht weißt – Julian hat eine Schwäche. Eine, die ihn zerreißen könnte.“
Die Zeilen darunter waren knapp, geheimnisvoll:
„Er kämpft mit einem Schatten aus der Vergangenheit. Bevor du ihm zu nahe kommst, solltest du wissen, mit wem du dich einlässt.“
Lara lehnte sich zurück, der Bildschirm verschwamm vor ihren Augen.
Ein kalter Schauer rann wie Eis durch ihre Wirbelsäule.
Wer sandte diese Nachricht? Und was bedeutete sie für sie? Für Julian? Für den fragilen Faden, der sie gerade verband?
Ihre Finger tasteten nach dem Telefon. Eine Flut von Fragen stieg auf, begleitet von einer wachsenden Unruhe, die ihr Herz in ein tödliches Stakkato verwandelte.
Dann vibrierte das Licht ihres Türs Charms – ein Besucher. Doch in der Dunkelheit war niemand zu sehen.
Lara wusste nur eins: Die Nähe zu Julian war eine Brücke über einen Boden voller Misstrauen und Geheimnisse.
Sie musste entscheiden, ob sie darüber gehen wollte – ohne zu wissen, ob das Ufer ihre Rettung oder ihr Untergang bedeutete.