Chapter 5
Der kalte Hauch der Nacht kroch durch die halb geöffnete Balkontür in Laras loftartiges Büro. Ihr Herz trommelte gegen die Rippen, nicht nur wegen der Begegnung mit Sebastian – sondern wegen der Unruhe, die nun tiefer in ihr nagte. Die Schatten ihrer Vergangenheit hatten sich nicht einfach zurückgezogen. Sie wuchsen, wurden schwerer, drohten sie zu erdrücken.
Lara schloss die Tür hinter sich, ließ den Blick über den Raum gleiten. Überall lagen die Spuren eines Kampfes: zerknüllte Papiere, aufgeschlagene Laptops, verstreute Aktenordner. Ihr Herz schlug langsamer, doch nicht ruhiger. Irgendetwas stimmte nicht.
Am größten Bildschirm flimmerten die Serverprotokolle, die jemand in den letzten Minuten durchwühlt haben musste. Ihr Finger glitt über die Tastatur, die Augen blinzelten vor dem kalten Licht des Monitors. Ein Alarm blinkte auf. Mehrere Dateien waren gelöscht, sensible Verträge verschwunden, kritische Produktdesigns verändert.
„Das ist kein Zufall,“ murmelte sie und fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn. Ein kalter Schauer zog die Wirbelsäule hoch. Sabotage. Mitten in der entscheidenden Phase der Finanzierungsrunde.
Ein Geräusch ließ sie erstarren – das dumpfe Poltern von Schritten in der kleinen Küche nebenan. Sie griff instinktiv nach ihrem Handy, doch die Empfangsbalken waren verschwunden, stiller als zuvor.
„Lara?“ Die Stimme war leise, fast zu beruhigend – und doch schlich sich ein giftiger Unterton hinein.
Julian.
Er trat aus dem Schatten, die Stirn in Sorgenfalten gelegt, doch unter seinem Blick lag ein Zucken, das sie frösteln ließ. Sein Hemd war zerknittert, als hätte auch er einen Kampf mit der Zeit gekämpft.
„Du hast alles gesehen, oder?“ Seine Stimme war ernst, schnitt durch die gespannte Luft. „Es passiert mehr als nur ein Datenleck. Jemand will uns zerstören.“
Lara spürte den Drang, ihm zu vertrauen, fühlte den warmen Druck seiner Nähe – und doch flackerte ein altes Misstrauen in ihren Augen auf.
„Wer?“, hauchte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Julian zog die Augenbrauen zusammen, ging langsam auf sie zu. „Noch keine Ahnung. Aber ich schwöre dir, ich werde das herausfinden.“
Seine Hand berührte kurz ihre Schulter – ein klares Versprechen. Doch in Lara stieg die Frage auf: War dieser Mann wirklich ihr Verbündeter? Oder verbarg sich hinter der vertrauten Maske ein Schatten, der sie zerstören könnte?
Noch bevor sie antworten konnte, vibrierte ihr Handy in der Hosentasche. Die Nachricht war kurz. Nur zwei Worte:
„Wir wissen wer.“
Laras Finger zitterten, als sie die Absenderadresse überprüfte. Keine Nummer, kein Name. Ein Insider. Zu nah. Zu gefährlich.
„Julian“, presste sie hervor, „Du musst mir alles erzählen. Wer hat Zugriff auf unsere Systeme? Wer kann so unbemerkt eingreifen?“
Julian wich zurück, seine Augen dunkler, intensiver. „Es gibt nur einen, den ich mir vorstellen kann. Jemand aus unserem engsten Kreis.“
Laras Herz setzte einen Schlag aus. Ein Schatten kroch durch ihren Verstand. Der heimliche Saboteur war vielleicht jemand, den sie am wenigsten verdächtigte.
„Du meinst... jemand, dem wir vertrauen?“ Ihre Stimme war kaum hörbar.
Julian nickte, die Lippen schmal, die Hände zu Fäusten geballt. „Ja. Und ich fürchte, die Wahrheit wird alles verändern.“
Draußen knallte eine Autotür zu. Ein Laut, der die Stille wie eine kalte Klinge durchschnitt. Lara drehte sich blitzschnell zur Tür, ihr Blick suchte im Dunkel.
Doch es war niemand zu sehen.
Nur ein weiterer Schatten, der urplötzlich ihre Welt zu verschlingen drohte.
„Wir müssen sofort handeln“, flüsterte sie, „bevor es zu spät ist.“
Julian nickte, doch in seinen Augen lag das gleiche schwarz-weiße Spiel wie in ihrem. Vertraut und doch voller Geheimnisse.
Lara spürte, wie der Boden unter ihren Füßen schwankte. Der echte Kampf um ihre Firma, um ihre Freiheit, hatte gerade erst begonnen.
Und der heimliche Saboteur war schon viel zu nah.