Chapter 4
Der Raum schien plötzlich kleiner zu werden, als das Gewicht von Sebastians Worten wie ein undurchdringlicher Nebel darauf lastete. Die Tropfen, die gegen die Scheibe prasselten, wurden lauter, fast wie ein pochender Herzschlag, der Laras eigene Angst spiegelte.
Sie presste die Hände auf die Glasplatte des Tisches, als wolle sie sich daran festhalten, nicht wegzudriften in das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte. Die Schatten in ihr formten sich, zogen an ihr, verlangten nach Aufmerksamkeit. Das Licht von draußen strahlte erstickt, ein fahler Schein zwischen den schweren Regenschwaden.
„Manchmal brauchen es Schatten, um das Licht zu schützen.“
Die Worte hallten in ihrem Kopf wieder, bis sie sich nicht mehr sicher war, ob sie aus Sebastians Mund oder aus ihrem eigenen Inneren kamen.
Lara schloss die Augen. Das Knarren der alten Holzdielen unter ihren Füßen, der salzige Geschmack von Angst, der sich wie Ruß auf ihrer Zunge legte. Sie sah ein Bild vor sich, undeutlich, wie durch Nebel betrachtet: Ein kleines Mädchen, das sich hinter einer verbogenen Puppe versteckte, während ein Sturm tobte – draußen, und viel schlimmer, drinnen. Das scheue Flackern der Hoffnung in dunklen Augen.
Ein kurzer, scharfer Atemzug entwich ihr, als der Klang vergangener Schreie wie ein Messer durch den Schleier ihrer Gegenwart schnitt.
„Du bist nicht mehr das Mädchen von damals“, flüsterte sie sich selbst zu, doch die Stimme zitterte. So sehr sie es sich wünschte, die Narben waren nicht verblasst. Sie brannten tief, pulsierend, wach.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen. Julian trat ein, sein Blick war undurchdringlich, doch irgendetwas daran ließ die Luft zwischen ihnen sofort kälter werden. Ohne ein Wort zu sagen, schloss er die Tür hinter sich und lehnte sich gegen den Rahmen. Ein Funkeln von Sorge blitzte in seinen Augen, bevor er sich wieder zusammensetzte.
„Lara...“ Seine Stimme hatte die Schwere eines Manuskripts voller unausgesprochener Worte.
Sie sah zu ihm auf, versuchte, Stärke in ihre Miene zu zwingen. „Es ist nur... Vergangenheit. Etwas, das ich hinter mir lassen muss.“
„Manchmal lässt die Vergangenheit einen nicht gehen.“ Julian trat näher, senkte die Stimme zu einem gefährlichen Flüstern. „Sie krallt sich in die Seele, bis Blut kommt.“
Ein kalter Schweißfilm breitete sich auf ihrer Haut aus, als sie diese Wahrheit zugeben musste. Noch immer hörte sie das leise Ticken der Uhr, jedes Sekundenende ein Schlag gegen ihr Herz.
„Du warst damals so viel stärker, als du glaubst“, sagte Julian, so plötzlich, dass sie aufschreckte. „Aber es gibt Dinge, die nicht vergessen werden können. Nicht ohne... Preis.“
Lara schluckte schwer. Der Preis für ihre Träume, der Schatten, der ihre Entscheidungen formte. Sebastian hatte recht – es war ein Spiel um Licht und Dunkelheit.
Ihr Blick wanderte zum Fenster. Die Regentropfen hatten sich zu dicken Perlen vereint, die langsam wie Tränen herabglitten. Sie dachte an das Versprechen, das sie sich selbst gegeben hatte: Diese Schatten zu bezwingen, bevor sie sie zerfraßen.
Im selben Moment vibrierte Julians Handy auf dem Tisch. Sein Stirnrunzeln vertiefte sich, als er das Display anstarrte. Die Nummer war anonym, ein digitales Phantom.
Ein kalter Schauer kroch seinen Nacken hinab, bevor er das Gespräch entgegennahm. Seine Stimme war ruhig, doch das Flackern eines unheilvollen Funken zeigte sich in seinen Augen.
„Ja?“ Seine Stimme hatte kaum mehr als einen Hauch.
Dann erstarrte er.
„Was zum... Wer sind Sie?“
Eine durchdringende Pause.
Worte, eisig und scharf wie ein Skalpell: „Du hast keine Ahnung, was auf dem Spiel steht, Julian. Hör auf, dich in Dinge einzumischen. Sonst wird das, was dir lieb ist, zerbrechen – noch bevor du es retten kannst.“
Das Telefon fiel ihm fast aus der Hand, als er die Botschaft realisierte. Die Atmosphäre im Raum schien sich dichte Mauern aus Glas und Stahl zu bilden, und jeder Zentimeter war gefüllt mit unausgesprochenem Schrecken.
Lara sah ihn an, Kälte in den Adern, die sich in beunruhigende Umklammerung um ihr Herz legte.
„Wer war das?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
Julian schüttelte den Kopf, als wollte er die dunklen Worte abschütteln. „Ich weiß es nicht. Aber eins ist sicher: Das hier ist erst der Anfang.“
Draußen löste sich der Regen in ein wildes Toben auf, das mit jedem Blitzlichtschlag die Schatten in ihrem Leben größer, dunkler und bedrohlicher machte.
Und mitten in diesem Sturm, in diesem Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, standen sie sich gegenüber – gefangen in einem Netz aus Geheimnissen, Verrat und der bitteren Hoffnung auf Erlösung.
Lara atmete tief ein. Die Schatten ihrer Vergangenheit waren erwacht. Und sie würden nicht so leicht wieder verschwinden.