Chapter 2
Der Frontalstoß der Tür wirbelte Staub und Kälte zugleich in den Raum. Laras Herz schlug wilder als zuvor, ein dumpfes Trommeln hinter ihren Rippen. Die Hand, die den Stift hielt, erstarrte in der Luft. Vor ihr stand Julian, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, die dunklen Augen blitzten unheilvoll.
„Das nennst du Diplomatie, Lara?“ Seine Stimme war scharf, durchdringend, wie ein Messer, das langsam in ihr Fleisch schnitt. „Tür aufschlagen, ohne anzuklopfen. Sehr charmant.“
Lara zog den Atem scharf ein. Der warme Hauch ihres Atems bildete kleine Wolken in der kühlen Luft des Büros, das Fenster weit geöffnet und dabei die Winterkälte hereinließ.
„Ich habe dir nichts Böses getan“, sagte sie ruhig, doch der Klang verriet die Anspannung dahinter. „Wir müssen reden. Und zwar jetzt.“
Julian machte einen Schritt auf sie zu, die Bewegung geschmeidig, doch voll latenter Gefahr. „Reden, ja. Aber nicht mit Drohungen.“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht, während er den Stift vom Tisch hob. „Der Vertrag, Lara. Er muss unterzeichnet werden. Es bleibt keine Zeit mehr für Spielchen.“
Laras Finger krallten sich um den Rand des Schreibtisches, ihre ganze Welt drehte sich schneller. Das Papier vor ihr – der Ehevertrag, der nicht mehr als ein kaltes Bündnis bedeutete. Wenige Seiten, auf denen ihr Schicksal standgeschrieben war.
„Du willst die Bedingungen noch einmal ändern“, sagte sie und sah ihn direkt an, die Stimme belastet, aber unbeirrt. „Ich will Klarheit, keinen Spielraum für versteckte Fallen.“
Sein Lächeln glitt weg. Die Kälte in seinem Blick nahm zu. „Vertrauen ist eine Währung, Lara, die ich nicht zu verschenken habe.“
Die Luft zwischen ihnen schien plötzlich aufgeladen, als würde ein unsichtbarer Sturm vom Fenster her hereinbrechen. Lara spürte, wie die Kälte ihre Knochen durchdrang, aber auch die drückende Enge in ihrer Brust.
„Gut“, murmelte sie und richtete sich auf, den Stift fester umschlungen als eine Waffe. „Dann legen wir die Bedingungen halt fest. Klare Machtverhältnisse, kein Raum für Intrigen.“
Julian nickte, lehnte sich zurück und zog aus seiner Aktentasche einen neuen Stapel Papier hervor.
„Vertrag auf Zeit“, verkündete er mit ironischem Unterton. „Drei Jahre Ehe. Keine gegenseitigen Verpflichtungen jenseits der offiziellen. Kein Recht auf Einmischung in die jeweiligen Geschäfte. Und sollte einer von uns scheitern, gibt es keine Nachsicht.“
Laras Blick heftete sich auf die Worte. Drei Jahre. Eine Zeitspanne, die zugleich endlos und zu kurz schien. Sie spürte, wie sich in ihr ein innerer Kampf entzündete – die Sehnsucht, endlich frei zu sein, gegen die Angst vor dem preis, den sie dafür zahlen würde.
„Das klingt… brutal“, entgegnete sie, und ihre Stimme war rau vor unterdrückter Emotion. „Aber ich akzeptiere es.“
Julian grinste, das erste Mal wirklich offen. Doch das Grinsen war kein Zeichen von Freude – es war die stille Bestätigung, dass das Spiel begonnen hatte.
„Gut. Dann unterschreiben wir.“
Die Kälte des Kuli kratzte über das Papier. Lara malte ihre Unterschrift, langsam, jeden Buchstaben mit pochendem Herzschlag.
„Wir sind Partner, Lara“, sagte Julian, während er das Dokument zurück auf den Tisch legte. „Auf Zeit. Aber glaub nicht, dass ich zögern werde, wenn es um meine Interessen geht.“
Sie sah ihn an, suchte das ungeschliffene Gefühl hinter der Maske der Professionalität, aber er blieb verschlossen.
Die Tür klappte hinter ihr ins Schloss, und plötzlich stand niemand mehr in ihrem Büro außer ihr und die Schatten, die in den Ecken lauerten.
—
Der Tag verstrich mit hektischen Telefonaten und Meetings, doch Laras Gedanken blieben bei Julian und dem unterschriebenen Vertrag.
Im Schatten des golden schimmernden Sonnenuntergangs trat plötzlich Jonas in ihr Büro. Sein Gesicht war von Sorge durchzogen, die sonst so offene Miene verkrampft.
„Lara, ich muss mit dir reden“, begann er, während er nervös von einem Fuß auf den anderen trat.
Sie legte den Notizblock zur Seite und musterte ihn aufmerksam. „Was ist los, Jonas?“
Er senkte die Stimme, ging dicht an sie heran. „Ich habe etwas herausgefunden. Über Julian.“
Laras Herz machte einen Satz. Ihre Augen verengten sich. „Was meinst du?“
„Seine Verbindungen sind… fragwürdig. Es gibt Gerüchte, die weit über das übliche Geschäftsmilieu hinausgehen. Julian hält Dinge vor dir geheim. Dinge, die nicht nur dich, sondern auch deine Firma gefährden könnten.“
Unwillkürlich rückte sie einen Schritt zurück, als wäre die Luft plötzlich dicker geworden.
„Du wirst dieses Risiko eingegangen sein, um deine Firma zu retten“, fuhr Jonas fort. „Aber lass dich nicht blenden, Lara. Julian hat seine eigenen Dämonen – und sie sind keineswegs harmlos.“
Das übliche Prickeln von Nervosität wurde zu einem eisigen Schauer, der ihr über den Rücken rann.
„Danke, dass du es mir gesagt hast“, flüsterte sie, doch die Worte fühlten sich an wie ein schwaches Schutzschild inmitten eines tobenden Sturms.
Jonas sah sie eindringlich an. „Bleib vorsichtig. Du bist nicht allein in diesem Spiel.“
Bevor sie mehr sagen konnte, drehte er sich um und verschwand im Flur, die Tür hinter ihm ein leises Echo zurücklassend.
Lara blieb zurück, zwischen Hoffnung und Furcht gefangen. Drei Jahre Vertrag — ein Versprechen inmitten einer Welt, die voller Schatten lauerte. Und hinter diesen Schatten lauerte nicht nur Julian.
Ein kaltes Frösteln kroch ihren Rücken hinauf, während die Stadt in der Ferne das eintretende Dunkel mit ihren unzähligen Lichtern verschluckte. Manchmal, so dachte sie, ist das größte Risiko nicht der Vertrag selbst, sondern die Menschen, die ihn schreiben.