NoveliqaVertrag aus Feuer & Gold / Ein gebrochener Eid :0%
Log in

Chapter 7

Ein gebrochener Eid

Die schrille Tonfolge des Telefons schnitt durch die angespannte Stille wie ein scharfes Messer. Lara erstarrte, ihre Fingerspitzen klamm vor Kälte, obwohl die Luft in ihrem Atelier drückend warm war. Ihr Herz klopfte in einem Takt, der sich nicht nur nach Angst anfühlte, sondern nach purer Panik. Kein Zweifel – dieses Klingeln war kein harmloser Weckruf. Es war ein Weckruf ins Verderben.

Langsam, so als würde jede Bewegung sie verraten, öffnete Lara die Augen. Der blasse Schein des Motivlichts auf ihrem Schreibtisch warf gespenstische Schatten auf die ausgebreiteten Pergamente und Fotografien. Ihr Blick fiel auf den Vertrag – das Dokument, das ihr Leben unerbittlich gefangen hielt. Ein Flüstern kroch durch ihren Verstand, ein Flüstern von Freiheit, Wahrheit – und Verrat.

Mit zitternden Fingern griff sie nach dem Hörer. Die Schwere eines schwermütigen Versprechens lastete auf ihren Schultern. Vor Wochen hatte sie ihrem Vater Erik schwören müssen, sie würde den Vertrag niemals brechen. Nicht nur, weil das ihr Wort war, sondern weil sie sich selbst darin gefangen sah, im Netz aus Schuld, Verzweiflung und Hoffnung.

"Hallo?", ihre Stimme klang dünn, als ob sie gleich zerbrechen könnte.

Stille.

Dann ein Atmen, tief, kontrolliert, aber mit einem unverkennbaren Unterton von Drohung.

"Lara", knisterte eine Stimme, weich, doch ätzend wie geschnittenes Glas. "Es ist Zeit."

Der Anruf ließ den Atem in ihrer Kehle stocken. Nein. Nicht jetzt. Nicht, wenn sie gerade erst einen Faden Hoffnung gesponnen hatte. Ihr Blick wanderte zur Tür, als wolle sie dort Schutz suchen, doch sie wusste, dass keine Flucht möglich war.

Sie biss sich auf die Lippe, spürte den metallischen Geschmack ihres eigenen Blutes, zitternd vor innerem Gewitter. Ihr Herz schnürte sich zusammen – nicht nur vor Angst, sondern weil der Moment gekommen war, an dem sie sich entscheiden musste.

Draußen rauschte der Wind durch die kahlen Äste, ein feiner Regen begann gegen das Fenster zu trommeln. Ein Chor aus unheilvollen Geräuschen, die sich mit den pochenden Schlägen ihrer Gedanken vermischten.

Sie konnte das Verlangen spüren, das tiefer war als Vernunft: den Vertrag zu zerreißen, all die Fesseln zu sprengen, die sie das letzte halbe Jahr gebunden hatten. Aber damit brach sie nicht nur das Papier, sondern auch den letzten Funken Hoffnung, den ihr Vater in sie gesetzt hatte. Erik – ein Mann, der umso mehr litt, je mehr Lara für sich selbst begehrte.

"Du weißt, was das bedeutet", flüsterte die Stimme durch den Hörer, nun fast schmeichelnd, fast verführerisch.

"Ja", hauchte Lara, "Ich weiß es."

Der Anruf endete. Das Klicken ging durch Mark und Bein, ließ sie zusammenzucken.

Schweißperlen legten sich auf ihre Stirn, Tränen sammelten sich in den Augenwinkeln ohne freien Lauf zu finden.

Die Stille breitete sich aus, so voll von Bedrohung, dass sie fast greifbar war. Um sie herum schien die Welt stillzustehen – aber in ihrem Inneren tobte ein Sturm. Ein Sturm, der die Mauern ihres Gewissens einzureißen drohte.

Sie starrte auf den Vertrag. Und noch immer das Flüstern: Freiheit oder Bindung. Liebe oder Loyalität. Leben oder Tod.

Mit klammer Hand fuhr sie über die vergilbten Seiten, erkennte die feinen Schriftzüge, die ihr Schicksal besiegelten.

Ihr Blick fiel auf den Namen ihres Vaters – ein Versprechen eingraviert in Tinte und Hoffnung.

Dann senkte sie den Kopf, spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte, und eine Frage röhrte wie ein Raubtier in ihrem Inneren: War es nicht an der Zeit, den Eid zu brechen?

Der Regen prasselte lauter. Die Dunkelheit kroch näher.

Und Lara wusste – die Versuchung war da. Größer als ihr Schwur.

Ein zitternder Finger berührte die Kante des Vertrags.

Das Gewicht der Entscheidung lastete schwerer als alle Chroniken ihrer Ahnen.

Ihr Atem beschleunigte sich. Die Wahrheit stand vor ihr – und das Spiel begann von Neuem.

Doch dann, im Flur, ein unverhofftes Geräusch.

Ein leises Kratzen an der Tür.

Jemand wartete.

Lara hob den Hörer. Noch ein letztes Mal.

"Ich komme."

Ihr Herz raste. Die Frage blieb:

Würde die Versuchung stärker sein als das Versprechen an Erik?