Chapter 2
Laras Brust hob und senkte sich schwer, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Das Klicken hallte wie ein Vorschlaghammer in der stillen Eleganz des Raumes wider, in dem sie sich befand. Eine gläserne Wand gab den Blick auf die funkelnde Skyline frei, während die letzten Orange- und Purpurtöne des Tageslichts langsam ihrem kalten azurblauen Zwielicht weichen mussten.
Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, die Hände zu Fäusten geballt. Das Pochen ihres Herzens schien nicht mehr ihr eigenes zu sein, vielmehr ein fremdes Tier, das in der Dunkelheit lebte und nach ihr schnappte.
"Du musst klar denken, Lara", flüsterte sie in die Stille, ihre Stimme kaum lauter als ein Herbstblatt, das zu Boden segelt.
Dann erklang das leise Klicken von Absätzen auf dem Marmor, die sich in der Distanz näherten wie das Rauschen eines nahenden Sturms.
Die Tür öffnete sich erneut, und er trat ein.
Erik von Falkenhayn.
Sein Anzug war maßgeschneidert, schwarz wie eine mondlose Nacht. Seine blauen Augen funkelten scharf und zugleich müde, als habe das Leben bereits Kapitel geschrieben, die kein Manuskript erfassen könnte.
"Oh Lara", begann er mit samtener Stimme, die gleichzeitig Autorität und eine fast vergessene Wärme ausstrahlte. "Ich hatte nicht erwartet, dass du so schnell zusagst, hierher zu kommen."
Sie machte einen Schritt zurück, die Mauer in ihr wieder stärker spürend. "Ich bin nicht hierher gekommen, um Gespräche zu führen, Herr von Falkenhayn."
Sein Lachen war leise und unverkennbar. "Sag nicht so förmlich. Erik genügt. Und ich wage zu behaupten, dass das, was ich dir anzubieten habe, dich mehr interessieren wird als meine Höflichkeiten."
Die Spannung in dem Raum kristallisierte sich in einem unsichtbaren Netz, das sich um sie beide spannte, fordernd und forschend.
Erik trat näher, die Hände locker an den Seiten. "Du bist eine Kunstrestauratorin. Leidenschaftlich, präzise, geduldig. Jemand, der tief in den Schatten der Vergangenheit blickt, um den wahren Glanz eines Kunstwerks zu bewahren."
Lara schnaubte kurz. "Das ist eine schöne Metapher, aber ich kann nichts mit ihr anfangen, wenn sie bloße Worte bleiben."
Sein Blick blieb unverwandt auf ihr haften. "Daher komme ich zur Sache. Ich weiß, was du suchst: Freiheit. Ein Ausweg aus den Fesseln, die deine Familie, dein Name dir angelegt haben. Und ich biete dir genau das."
Ein kalter Luftzug strich durch den Raum. Lara spürte, wie sich jeder Muskel in ihr anspannte und zugleich von einer heimlichen Neugier erfasst wurde.
"Ein Ausweg? Das klingt sehr vage."
Erik zog ein dünnes Lederetui aus der Innentasche seines Jacketts und öffnete es. Darin ruhte ein filigran gebundener Vertrag, verziert mit goldener Schrift, die im Halbdunkel zu glühen schien.
"Vertrags-Ehe", sagte er schlicht. "Zwischen dir und mir. Für eine bestimmte Zeit. Ein Arrangement, das beide Seiten schützt, Vorteile verschafft."
Lara trat bewusst einen Schritt zurück. "Eine Arrangement-Ehe? Was genau soll das bringen? Und warum ich?"
Erik lächelte schmal. "Weil du mehr als jede andere das fehlende Puzzlestück bist. Ich brauche jemanden, der die Öffentlichkeit überzeugt, dass mein Name noch immer höchste Ehre besitzt."
Seine Stimme senkte sich, wurde beinahe verschwörerisch: "Und du könntest die Freiheit erhalten, die du suchst. Finanzielle Unabhängigkeit, Schutz vor dunklen Schatten, Zugang zu Ressourcen, um dein Leben selbst zu gestalten."
Laras Augen suchten seinen, fragten nach der Wahrheit, die unter der glatten Oberfläche lauerte.
"Und was ist mit meinen Werten? Meiner Familie? Meinem Erbe?" Ihre Stimme bebte leicht.
"Ich vernichte nichts, Lara", entgegnete er sanft. "Ich baue um. Etwas, das stärker, unantastbarer ist."
Sie wollte lachen, bitter und roh. "Du willst stärken, indem du zerstörst. Das ist dein Stil. Aber ich bin nicht dein Spielzeug."
Erik lehnt sich gegen die Fensterbank, seine Haltung plötzlich lässig, als wäre die Schwere der Welt für einen Moment von seinen Schultern genommen.
"Nein, du bist keine Spielfigur. Du bist ein Gegner, den ich respektiere. Und..." Er machte eine kurze Pause, die Luft zwischen ihnen geladen wie ein Gewitter bevor es losbricht. "Vielleicht auch mehr."
Ein eigenartiges Kribbeln lief Laras Wirbelsäule hinab. Trotz aller Vorsicht spürte sie, wie ein kleiner Funke sich in ihr entzündete – wie in jenem Moment vor Tagen, als sie Adrian Keller gegenüberstand.
"Das ist keine einfache Auktion, Lara", fuhr er fort. "Es ist ein Tanz auf Messers Schneide. Vertrauen und Risiko. Und ich biete dir die Chance, teilzunehmen."
Sie nahm einen tiefen Atemzug. Die Verlockung lag in seinem Angebot wie ein Schatten mit Dornen.
"Was, wenn ich lehn’ ab?"
Erik lächelte, aber sein Blick war unverändert hart und durchdringend. "Dann brichst du mit der Vergangenheit und dem blutigen Erbe deiner Familie. Und ich werde dafür sorgen, dass du es bereust."
Der Raum schien zu ersticken, das unsichtbare Netz zog sich enger.
Laras Hände waren schweißnass, die Fingerspitzen kribbelten.
"Warum ich?" Ihre Frage schwebte in der Luft, zielgenau und unerbittlich.
Erik sah sie lange an. Seine Stimme war ein Flüstern, fast wie ein Versprechen und eine Drohung zugleich.
"Weil gerade du das Feuer in dir trägst, das unsere Zukunft verändern kann."
Die Tür hinter ihnen schwang auf – ein Warnsignal.
Und in diesem Augenblick wusste Lara, dass dieses Angebot mehr war als nur ein Deal.
Es war der Beginn eines Spiels, das alles veränderte.