Chapter 7
Der Gedanke an ein Kind — an eine wartende Hand, ein heimliches Stipendium, eine verborgene Fürsorge — setzte sich in Maya wie Eis unter der Haut fest.
Sie hielt den Bogen an der Geige so, als würde er sie stützen. Die Saiten summten leise, ein leiser Ton, der sofort verglühte, weil ihr Herz zu laut schlug. Im Kopf brannten Bilder: ein kleiner Wintermantel, eine flackernde Straßenlaterne, Alexander von Hart mit verschränkten Händen wie ein Richter. War das nur ein Zufall? Oder war da etwas, das wie ein sauberer Faden durch sein Leben lief — etwas, das er heimlich nährte?
Sie wusste nicht, wovon sie redete. Aber das Frösteln blieb.
Jonas Kiefer öffnete die Tür zu seinem Büro, bevor sie überhaupt klopfte, und die Luft hinter ihm roch nach Espresso und zu teurem Aftershave.
Sein Lächeln war glatt wie poliertes Metall.
„Maya.“ Er ließ die Tür hinter ihr zu und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Rahmen. Seine Augen suchten ihr Gesicht ab, als gäbe es darin Kalklöcher, die er füllen könnte. „Guter Tag für Dinge, die Geld bringen.“
Die Worte saßen wie Balsam und wie Brennnesseln zugleich.
Sie setzte die Geige in den Ständer und spürte den gewohnten Widerstand in den Fingern. „Sag es mir. Ich habe nur wenig Zeit — Sophia braucht ihre Medikamente.“
Jonas' Mienen entspannten sich. Er trat näher, zog die Rollladen halb herunter und ließ die Sonne über den Schreibtisch gleiten. Auf dem Tisch lagen Verträge, eine Visitenkartenmappe, ein halb geleerter Block mit Notizen in einer klaren Handschrift — seine Handschrift.
„Ich habe Termine arrangiert.“ Er streckte die Hände aus, fing an, sie auf dem Tisch zu ordnen, als ordnete er eine Liste mit Schicksalen. „Charity-Gala der Stiftung Hart — Einladung, kein Eintritt. Ein kurzer Auftritt, Solo, fünfzehn Minuten. Danach ein Empfang. Guten Kontakteffekt.“
Maya hörte das Wort „Hart“ wie ein Echo, das gegen die Rippen schlug. Die Erinnerung an das Bild Alexander von Hart im letzten Saal war noch warm.
„Und danach?“ fragte sie. „Was bringt das?“
Jonas zog die Schultern hoch, einer, der Gewissheiten nie für bare Münze nahm. „Notorität. Zwei Interviews — Radio Morgenshow, Kulturmagazin. Eine kleine Fernsehstrecke, falls sie dich mögen. Und…“ Er senkte die Stimme. „Es gibt eine private Audition. Möglich, dass Herr von Hart persönlich zuhört.“
Das Wort „möglich“ legte sich wie eine zweite Haut um seine Aussage. Nicht fest. Nicht sicher. Nur: vielleicht.
Maya dachte an den jüngsten Vertrag, an die dünne Linie von Schutz, die sie für Sophia gezogen hatte. An die abstrakten Versprechen von Jonas. An das Gewicht, das auf ihren knochigen Schultern lag.
„Du hast ihm gesagt, dass ich das mache?“ fragte sie.
Jonas lächelte, aber es erreichte nicht die Augen. „Nicht ihm persönlich. Seinen Leuten. Die Stiftung. Ich habe den Kontakt genutzt, den ich dir versprochen habe. Keine direkte Verpflichtung. Aber stelle dir den Schein vor: ein Konzert in der Galerie der Stiftung. Ein Foto im Magazin. Du siehst doch, was das heißt.“
Sie sah es. Sie sah Sophia auf dem Sofa, eine Packung Tabletten auf dem Couchtisch, die Heizung, die nach Stunden in ihrem Zimmer klackerte. Das Bild schmolz kurzfristig zusammen zu einem einzigen Motiv: Geld, Schutz, schnelle Lösungen.
„Und die Bedingungen? Die Gage?“ fragte Maya.
„Angemessen.“ Jonas sprach das Wort, als wäre er stolz auf seine Euphemismen. „Zweitausend fix. Dazu Trinkgelder und Spenden, die wir kanalisieren können. Und—“ Er hielt inne. Sein Blick glitt zur Tür, dann zum Fenster, als lausche er etwas, das nur er hörte.
Ein Windstoß streifte die Straße, trug die entfernte Sirene einer Ambulanz heran und ließ eine Flagge an einem Nachbarhaus knattern. Maya spürte die Luft kälter werden.
„Und die Audition?“ fragte sie.
Jonas' Finger trommelten kurz auf dem Leder des Notizblocks. Er wirkte plötzlich zu elegant, zu durchdacht, wie jemand, der seine Bewegungen bis zur Schweißperle choreografiert hatte.
„Kleiner Salon. Kurzes Repertoire. Keine Sorge wegen der Stücke — wir machen das, was du kannst, was dich verkauft.“ Seine Stimme war wie ein Versprechen, das in einer Mischung aus Pragmatismus und Verkaufslust gegossen war. „Maya, das ist der Einstieg. Du brauchst nur drei gute Minuten. Den Rest machen Kleidung und Licht.“
Sie wollte ihm vertrauen. Ein Teil von ihr hing an seinen Worten wie ein Vogel an einem Drahtseil. Aber etwas in der Art, wie er „verkauft“ sagte, machte ihr einen Kloß im Hals.
„Du klingst, als würdest du mich wie Ware behandeln,“ sagte sie leise.
Jonas' Lächeln veränderte sich in ein halb entschuldigendes, halb schelmisches. „Ich bin dein Manager. Ich verkaufe.“
Die Tür zum Büro stand nur noch einen Spalt offen. Das Glas der gegenüberliegenden Häuser reflektierte die Stadt, schimmernd wie zerknittertes Silber.
„Und die Stiftung?“ fragte Maya. „Hast du das Angebot detailliert? Wer genau wird da sein?“
Jonas zog sein Smartphone aus der Innentasche. Seine Finger waren ruhig, routiniert. Er tippte, als wäre er an einer Maschinenpistole für Worte: präzise, schnell.
„Ich habe mit der Assistenz von Frau Lenz gesprochen. Sie ist verlässlich. Sie weiß, dass wir professionell sind. Ein kurzes Treffen am Rande des Empfangs — nichts Offizielles, nur ein Kennenlernen.“ Er sah auf und schenkte ihr ein Lächeln, das so gestylt war wie seine Haare. „Vertrauen, Maya. Du brauchst das Vertrauen.“
Etwas an seinem Augenaufschlag flackerte — nicht ganz ein Versehen, eher eine kalkulierte Welle. Maya hatte Vorsicht gelernt. Vorsicht war ihre einzige Währung gegen die Welt, die ihr sonst das Herz wegzog.
„Was ist mit dem Vertrag, Jonas? Keine versteckten Klauseln?“
Er tippte weiter, als hätte er ein Drehbuch eingespeichert. „Alles sauber. Ich lasse es vom Anwalt prüfen. Du unterschreibst nichts, bevor wir es durchsehen. Du sitzt am Steuer, okay?“
Und dann vibrierte sein Handy. Ein kurzer, scharfer Ton, zu leise getippt, um direkt zu hören. Jonas starrte auf den Bildschirm, ohne ihn zu entsperren.
Sein Daumen strich über das Glas. Er lächelte flüchtig, aber seine Finger verkrampften sich knapp. „Entschuldige eine Sekunde.“
Er trat zwei Schritte vom Tisch weg, die Bewegung mechanisch, und schob die Tür noch ein Stück zu. Die Stadt verschwamm zu einer unfokussierten Leinwand aus Lichtern, und Jonas’ Stimme war ein Flüstern.
„Hab’s rausgeschickt. Bestätigung kommt gleich.“
Maya hörte die Worte, aber etwas in der Art, wie er sie aussprach, war hohl. Zu schnell. Zu sicher. Ihre Finger suchten automatisch die Hölzerung des Geigenkoffers, fanden den rauen Stoff, an dem ihr Daumen hängen blieb.
„Wem?“ fragte sie.
Er zögerte. Die Frage war ein kleiner Stich, und sie wartete auf die Antwort, die seine Handlungen offenbaren würde. Stattdessen hörte sie nur das leisere Rauschen der Klimaanlage und das gedämpfte Klackern einer Straßenbahn draußen.
„Der Stiftung. Frau Lenz.“ Er trat zurück an den Tisch, schob das Telefon in die Tasche, als sei das Kapitel damit abgeschlossen. Seine Augen suchten ihr Gesicht, fordernd, als wolle er, dass sie sich beruhigte. „Alles okay. Du musst nichts tun, außer zu spielen.“
Sein Ton war zu routiniert. Die Sicherheit war zu glatt poliert.
Maya zwang ein Lächeln. „Danke. Dann… wie bereiten wir die Stücke vor?“
Sie konnte spüren, wie das Gespräch zurück auf das Geschäftliche glitt, aber ein Funke in ihr pochte wie ein Notruf.
Jonas beugte sich vor, nahm eine Mappe, schob zwei Notenblätter über den Tisch. „Barock, eine leichte Vivaldi, dann etwas Zeitgenössisches. Du öffnest, du schließt. Keine Experimente.“
Ein Kichern von drinnen, fast wie Metall an Metall, und der Geräuschpegel der Stadt weit draußen — und dennoch blieb die Präsenz des Anrufs wie ein Schatten an Jonas' Tasche.
Maya beobachtete ihn. Die kleinen Details zählten: wie seine Krawatte leicht schief saß, wie er beim Lachen die Lippen zusammenpresste. Als er lachte, blitzte etwas auf in seinen Augen, das nicht zum Lächeln gehörte — ein Kalkül.
Sie nahm einen Schluck Wasser, spürte die Kälte den Rücken der Zunge entlanggleiten. „Jonas,“ sagte sie, und ihre Stimme war nüchtern, „wenn… wenn du irgendjemandem Informationen gibst, die mich betreffen, musst du es mir sagen. Verstehst du?“
Er legte die Hand auf den Block, als wolle er ihr damit eine Versicherung geben. „Natürlich. Transparenz. Das ist mein Prinzip.“
Seine Worte fielen wie ein Versprechen, aber Maya hatte gelernt, dass das Wort „Prinzip“ oft als Tarnung diente. Sie nickte, doch ihre Augen blieben auf seiner Hosentasche haften, wo das Telefon ruhte.
Eine neue Vibration. Dieses Mal greller, wie ein Herzschlag, der ohne Vorwarnung aussetzte. Jonas' Finger zuckten. Er griff nach dem Mobiltelefon, drehte es unauffällig, als wolle er den Bildschirm vor ihr verbergen.
Für einen flüchtigen, brennenden Augenblick fiel ein heller Streifen Licht auf den Glasrand seines Displays. Auf dem oberen Rand des Bildschirms zuckte ein Name auf — nur einen Bruchteil einer Sekunde sichtbar, bevor Jonas das Gerät flach auf den Tisch drehte. Maya sah nur ein paar Buchstaben: „Felix…“
Ihr Körper fuhr zusammen. Das Wort „Felix“ kam wie ein Fremdkörper in den Raum. Sie kannte keinen Felix, aber der Name saß jetzt wie ein unbequemer Knochen zwischen ihnen.
Jonas' Hände fanden nach dem Notizblock, als wäre er gezwungen, etwas zu verstärken, das bereits brüchig war. Er lächelte, aber seine Augen waren kurz, sprunghaft, wie die eines Mannes, der versucht, ein kleines Tier zu fangen, das ihm aus der Hand läuft.
„Alles vorbereitet,“ sagte er und klang zu brav, um glaubwürdig zu sein. „Du erscheinst. Du spielst. Der Rest ist Routine.“
„Felix?“ Mayo spürte, wie das „o“ ihres Namens an seiner Zunge klebte, doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben. „Wer ist Felix, Jonas?“
Er blickte auf, und in seinem Blick lag ein Zeichen von Überraschung — nicht über die Frage, sondern über den Mut, sie zu stellen. „Ein Kollege. Ein… alter Bekannter aus dem Managementbereich. Warum?“
Seine Stimme war ein Fragezeichen, ein Manöver. Aber Maya hatte das kurze Aufblitzen gesehen, und es nagte an ihr mit spitzer, methodischer Ungeduld.
Bevor Jonas antworten konnte, vibrierte sein Telefon erneut; diesmal schriller. Seine Finger schlossen sich darum. Für einen Moment sah sie ein helles Fenster auf dem Bildschirm, eine Nachricht, kurz, nüchtern: „Empfang?“
Sein Daumen verharrte über dem Display. Seine Kiefermuskeln spannten. Er zögerte, wie ein Mann vor einer Bühne, dessen Stimme plötzlich versiegt.
Maya beugte sich vor, der Schreibtisch eine Grenze zwischen ihr und dem, was er gleich freigeben würde.
„Jonas…“ Ihre Stimme war leiser. Jeder Satz war ein Atemzug, ein Schritt auf dünnem Eis. „Du hast gesagt, du hättest die Bestätigung geschickt. An wen hast du sie geschickt?“
Er holte tief Luft, als wolle er einen Zauber sprechen, der alles irgendwie rechtmäßiger erscheinen ließ. Seine Hand lag auf dem Telefon wie auf einem schlafenden Tier.
„An… die Stiftung. Lenz. Wie gesagt.“ Er sah sie an, ein Blick, der zu viel fragte.
Sein Daumen zitterte. Das Display leuchtete auf, kurz, so dass Maya einen Splitter mehr lesen konnte — ein Name, ein Fragment einer Nachricht, dann das Display, freudlos, schützend. Ein letztes Leuchten: F e l i x V o s s.
Maya' Herz stoppte mitten im Satz. Seine Lippen bildeten eine Antwort. Er richtete das Telefon, schaute sie an, und in diesem Augenblick wusste sie, dass sie etwas sehen würde, das sie nicht wieder ungeschehen machen konnte.
Bevor Jonas auf „Senden“ drücken konnte, bevor sie wusste, ob es Bestätigung, Verrat oder etwas noch Unerhörteres war, klopfte jemand an der Tür. Ein zweites Geräusch. Ein Schritt im Flur. Und die Hälfte der Nachricht stand noch ungeschickt offen auf dem Bildschirm, wie ein Atemzug vor dem Fall.
Jonas' Finger schwebten über dem Display. Sein Blick ließ zwischen Pflicht und Angst keinen Unterschied.
„Maya…“ flüsterte er. „Nicht hier. Nicht jetzt.“
Die Tür öffnete sich, doch niemand trat ein. Der Korridor blieb leer. Nur ein dünner Streifen Licht fiel durchs offene Fenster. Auf dem Tisch blinkte das Telefon, das kleine Fenster schimmerte noch — und für einen Herzschlag sah Maya, wie die letzten Buchstaben ihrer Welt zu tanzen begannen.
Dann zog Jonas das Telefon an sich, als könnte er die Worte wieder einfangen. Seine Stimme war ganz nah, und es klang, als versuche er, etwas abzuschirmen, das bereits geschah.
„Es ist erledigt.“ Seine Lippen formten das Versprechen, doch in seinen Augen war ein anderer Satz, stumm und wach: Es ist nicht so, wie du denkst.