NoveliqaVertrag aus Eis und Glut / Ein Alibi und eine Fassade :0%
Log in

Chapter 4

Ein Alibi und eine Fassade

„Mausi.“

Das Wort war so weich, so falsch vertraut, dass es wie ein Fremdkörper in der Luft klebte. Maya spürte die Fäden ihrer Atmung aneinander reißen. Für einen Herzschlag war alles Geräusch — das Summen der Klimaanlage, das entfernte Hupen der Stadt — ausgeblendet. Nur seine Stimme blieb, glatt wie poliertes Metall.

Seine Augen hielten sie ohne Gnade. Dunkel, fast kalt; und doch gab es in der Art, wie die Lidkante zurückzuckte, ein Maß an Interesse, das nicht nur geschäftlich war. Maya zog die Hände ins Schoss und presste die Fingerspitzen so fest zusammen, dass Knöchel weiß wurden.

„Warum…“ Ihre Stimme kam brüchig. „Warum nennen Sie mich so?“

Alexander von Hart lehnte sich zurück, die Hand auf dem Leder seines Schreibtisches ruhend, als wäre das Möbelstück ein Knochen, dessen Oberfläche Aufschluss über die Welt gab. Seine Lippen formten ein Lächeln, kurz wie ein Blitz.

„Weil ich Namen sammle“, sagte er. „Weil sie manchmal die Brücke zwischen Menschen sind. Und weil ich neugierig bin, welche Reaktion sie auslösen.“

Die Hitze, die in ihr aufstieg, verwandelte sich in einen kalten, stechenden Schmerz. Neugier — eine Waffe, die Messer schneiden konnte. Sie merkte, wie ihr Nacken fest wurde, wie die Haare am Haaransatz sich elektrisch aufstellten. Die Erinnerung an ein anderes ‚Mausi‘, an ihre kleine Lena, stieß gegen die Gegenwart und verlangte, gesehen zu werden.

„Ich heiße nicht Mausi“, sagte Maya. Nicht laut. Nur so, dass die Worte von ihren Lippen rutschten wie kleine Kieselsteine.

Alexander nickte kaum merklich, als hätte er die Erwiderung erwartet. „Das weiß ich. Sie heißen Maya Adler. Und Sie spielen…“

„Violine“, unterbrach sie, überrascht, wie schnell er Informationen zusammenfügte. Die Geige: das Instrument, das sie wie eine zweite Haut kannte, das zugleich ihr einziges Markenzeichen war und ihr schutzloses Gut. Sie verspürte einen Reflex: Hände, die die Saiten berührten, spürten sofort die Wärme in ihr, die Fürsorge. Für Lena. Für den nächsten Monatsmietzins. Für die Medikamente.

„…und Sie kümmern sich um Ihre Schwester“, ergänzte er, ohne dass sie es ihm gesagt hatte. Der Blick, mit dem er sie maß, war keineswegs wohlwollend; er war kalkulierend. „Sie sind häufig allein. Verantwortung ist eine scharfe Waffe. Sie schneidet oft tiefer als Mut.“

Maya schluckte. Die Beschreibung passte, weil sie aus ihrem Inneren kam. Sie war nicht überrascht. Menschen wie er hatten Augen, die Leute abtasteten und Dinge fanden, die sie selbst verbergen wollten.

„Warum sind Sie hier, Herr von Hart?“, fragte sie in einem Ton, der entschieden klingen sollte. Er klang dünner, als sie geplant hatte.

Er hob die Hände, die Finger gespreizt, ein Übersetzungszeichen, das gleichzeitig beruhigen und festhalten sollte. „Weil wir ein Problem haben, Frau Adler. Und weil Sie — ob Sie es wollen oder nicht — eine Lösung sein könnten.“

Er stellte ein dünnes Heft auf den Tisch. Es war ein Notizbuch: Leder, dunkel, eine kleine Prägung in der Ecke, keine Initialen, nur ein Symbol. Maya ließ ihren Blick daran hängen, obwohl ihr Instinkt ihr sagte, aufstehen und verschwinden sei die intelligenteste Option. Aber der Raum zog sie an wie ein Netz.

„Ein Alibi“, sagte er dann, ohne Umschweife.

Das Wort fiel wie ein Hahnenschrei. Maya fühlte, wie ihr Magen sich umdrehte. Alibi. Die ganze Welt der Gerechtigkeit und der Lügen schoss an ihr vorbei. In Filmen war ein Alibi eine Szene, eine Uhrzeit, ein Zeuge. Im Leben war es ein Geflecht aus Augenzeugen und Briefen. Hier war es ein Menschenleben.

„Sie wollen, dass ich… was?“, fragte sie.

„Dass Sie meine Frau werden.“ Er sprach das letzte Wort kühl, wie eine objektive Tatsache. Keine Verzierung, keine Romantik. „Nicht privat. Öffentlich.“

Maya lachte, ein kurzer, bitterer Laut, der in der klimatisierten Luft zersprang. „Öffentlich? Sie wollen eine Schaufensterheirat?“

„Eine Ehe, die als Nachricht funktioniert“, erklärte er. „Ein Anker. Ein Bild für die Medien. Ich bin ein Unternehmen. Manchmal sind moralische Erzählungen nützlicher als Zahlen. Ein Mann mit einer Frau an seiner Seite ist schwieriger zu attackieren, als ein Mann, der sich in alle Richtungen öffnet. Investoren kaufen weniger gern Unsicherheit. Gegner sind weniger gierig, wenn die Theaterkulisse strahlt.“

Er sprach wie ein Mann, der die Welt als Schachbrett sah. Figuren, die man tauschte; Bauern, die man opferte. Maya hörte, wie jedes seiner Worte einen Zweck verfolgte — Herz an Herz mit der Präzision eines Uhrwerks.

„Was passiert mit mir?“, fragte sie, weil ihr Leben auf dem Spiel stand — nicht nur irgendein Leben, sondern das ihrer Schwester. „Wenn ich zustimme?“

Alexander klappte das Notizbuch auf. Seiten mit klarer Handschrift, Einkerbungen, Striche. „Sie erhalten… Schutz. Finanzielle Unabhängigkeit. Zugang zu Ressourcen, die Sie brauchen, um sich um Ihre Schwester zu kümmern. Ein Wohnsitz, medizinische Versorgung, monatliche Zahlungen, die verlässlich sind. Alles, was Sie zum Überleben brauchen, ohne dass Sie das Publikum anflehen müssen.“

Er nannte Summen. Konkrete Zahlen, die in ihrem Kopf Schlaglichter zündeten. Ein Betrag, der ihre Miete für Jahre decken würde. Therapien für Lena. Medikamente, die sie sich sonst nicht leisten konnte. Einen Menschen, der nicht jeden Monat ums Überleben betteln musste.

„Und was verlangt von mir?“, fragte Maya. „Ein Lächeln auf dem roten Teppich? Ein Name unter einem Vertrag?“

Er lächelte diesmal, doch der Ausdruck war hart wie geschliffenes Glas. „Discretion. Präsenz. Ein Gesicht bei bestimmten Gelegenheiten. Sie werden nicht das Rampenlicht sein — das bleibt mein Terrain. Sie werden keine Macht über meine Firma haben. Sie unterschreiben einen Ehevertrag, der klare Grenzen absteckt: kein Zugriff auf Vermögenswerte, kein Mandat in Gesellschaftsfragen. Wir leben getrennt. Wir spielen verheiratet, wenn die Kameras blitzen.“

Das Bild, verheiratet, aber getrennt, ließ in ihr etwas zusammenfallen. Sie sah sich auf Papieren, im Standesamt still die Unterschrift leistend, neben einem Mann, dessen Hände nie ihre berührt hätten. Sie sah Lena in der Fototasche ihres Geigenkoffers, das Lächeln eingefroren wie eine Schutzwalze gegen das, was kommen würde.

„Warum gerade ich?“, flüsterte sie. „Warum ausgerechnet…“

Alexander beobachtete sie, als würde er auf einem Instrument spielen und jede Reaktion als Ton notieren. „Weil Sie keinen Blick auf meine Welt haben. Sie sind nicht Bestandteil der Gruppen, die mich angreifen. Sie sind keine Insiderin, keine Journalistin mit einer Agenda, keine Verwandte, die Ansprüche stellt. Und weil Sie…“ Er legte den Satz nicht aus. Stattdessen zog er ein Foto aus dem Heft, ohne zu fragen.

Es war ein Bild von Maya, aufgenommen bei einem kleinen Konzert, vermutlich von einem Zuschauer. Die Arme erhoben, die Violine an der Schulter, das Haar zu einem lockeren Knoten gebunden. Ihr Gesicht, konzentriert, verletzlich.

„…weil Sie schön sind, wenn Sie spielen“, sagte er leise. „Und ein schönes Bild hilft oft mehr als tausend Worte.“

Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Es war entwürdigend, und zugleich hatte sie immer schon gewusst, dass Schönheit eine Währung war, die ihr half zu überleben. Sie konnte sich nicht gegen das Angebot wehren, nicht wirklich. Es war ein Handel: Würde gegen Schutz. Identität gegen Sicherheit.

„Und was, wenn ich ablehne?“, fragte sie. Die Stimme war nun stärker. Die Entscheidung musste in ihrem eigenen Atem liegen.

Erneut war sein Lächeln knapp und nur für einen Moment. „Dann haben Sie bald weniger Möglichkeiten. Dann werden Sie weiterhin kämpfen. Für Ihre Schwester. Auf Ihre Art. Vielleicht gewinnen Sie. Vielleicht verliert jemand, den Sie lieben, eine weitere Chance auf Leben. Ich mag Optionen. Ich mag Gewissheit.“

Seine Augen glitten kurz weg, als es ihm schwerfiel, die Härte des Satzes zu verbergen. Das war ein Zug, der menschlich wirkte; und gerade deshalb schmeckte es nach Gefahr. Maya dachte an Lena, an die Nächte, in denen sie den Schlaf wach spielte, bis die kleine Brust ruhiger wurde. Sie dachte an die Zettel mit unbezahlten Rechnungen, die wie kleine schwarze Vögel in den Schubladen hockten.

„Wie lange soll das Ganze dauern?“, fragte sie.

„Solange es nötig ist“, antwortete er. „Mindestens ein Jahr öffentlich. Danach entscheiden wir neu. Ich gebe die finanzielle Sicherheit für zwei Jahre im Voraus, damit es keine Druckmomente gibt. Sie behalten Ihre Unabhängigkeit, Ihre Musik. Sie führen ein Leben außerhalb der Öffentlichkeit, wenn Sie wollen.“

Das Angebot rollte über sie wie ein Meer. Geld. Schutz. Zeit. Ein Paket, perfekt geschnürt. Und der Preis: ein Teil ihrer Freiheit, eine Rolle, die nicht sie war.

„Und das Notarielle?“, hakte sie nach. „Das ist legal?“

Er zog einen Stift hervor wie ein Richter einen Paragraphen. „Alles legal. Ehevertrag, notarielle Beurkundung, klare Regelungen. Wir werden beide Anwälte einsetzen, damit die Formalitäten sauber sind. Sie werden abgesichert sein.“

Maya starrte auf den Stift, auf seine Finger, wie sie ihn hielten. Der Raum um sie herum wurde scharf und klein, als würde er die Luft aus ihrer Brust herauspressen. Die Hände, die einst die Geige hielten, jetzt bereit, Linien auf Papier zu ziehen. Linien, die Leben verändern konnten.

In diesem Moment öffnete Alexander das Notizbuch noch weiter. Seiten mit Namen, durchgestrichenen Begriffen, kurzen Kommentaren. Maya bemerkte, wie sein Daumen über das Papier glitt, als sähe er darin eine Landkarte mit markierten Punkten.

„Sie haben Notizen über mich gemacht?“, fragte sie, ein Funken Empörung in der Stimme.

„Über viele Dinge“, erwiderte er trocken. Dann legte er einen Finger auf eine Stelle, als wolle er ihr etwas zeigen, ohne es zu erklären. „Organisation. Risikoanalyse. Menschenverhalten. Ich mag es, Punkte auszuritzen.“

Maya lehnte sich vor, obwohl sie nicht wusste, ob es klug war. Die Seiten waren dicht beschrieben, abkürzende Worte, einzelne Sätze. Ein Wort sprang heraus: Risiko. In dicken, vorsichtigen Lettern. Dahinter ein Strich. Neben dem Wort stand etwas, das wie ein Name aussah.

Ihr Herz machte einen seltsamen Hüpfer. Es war wie bei einem Konzert, wenn die Geige eine falsche Saite schlägt und eine Disharmonie erzeugt. Sie wusste, dass Namen Macht hatten. Manche Namen konnten Türen öffnen. Andere rissen sie zu.

Sie warf ihm einen Blick zu. Seine Augen schienen zu sagen: Sieh es dir an. Es ist zu gefährlich, um es zu ignorieren. Zu nützlich, um es zu übersehen.

Maya streckte die Hand langsam, als wollte sie eine Glasoberfläche berühren. Der Duft von Leder stieg auf, gemischt mit seinem Aftershave — ein scharfer, zedriger Geruch, der in ihr ein infantiles Unbehagen weckte. Ihre Finger fanden die Ecke der Seite. Für einen Herzschlag lag die Welt still und drehte sich nur um dieses kleine Stück Papier.

Sie hörte die Uhr im Raum, das Ticken, das immer lauter wurde. Lena's kleine, regelmäßige Atmung zurück in der Wohnung — sie musste diese Entscheidung treffen, plötzlich war alles zu einer Waagschale geworden.

Maya zog die Seite näher. Ihre Augen huschten über die Handschrift. Das Wort ‚Risiko‘ hatte eine dunkle Präsenz, wie ein Brandmal. Und daneben stand—

Wessen Name erschien da neben dem Wort 'Risiko'?