Chapter 6
Lenas Augen rissen sich auf, die Dunkelheit in ihrem Zimmer zog sich wie ein schwarzes Tuch um sie. Ihr Herz hämmerte so laut, sie fürchtete, es müsse gleich zerspringen. Der leise Flüsterton lag noch immer wie ein bleiernes Gewicht auf ihrer Haut.
Langsam blendete ihre Augen das schwache Licht von draußen ein, das durch den dünnen Vorhang sickert. Der Schatten war verschwunden.
Aber die Botschaft war klar.
Sie zitterte, atmete hektisch ein, tastete nach ihrem Handy, doch es war nicht da.
Verflixt, sie hatte es wohl auf dem Nebentisch vergessen. Vorsichtig schlich sie zur Tür, setzte den Fuß in die Dunkelheit des Flurs und lauschte.
Kein Geräusch, kein Rascheln. Nur das leise Summen der Großstadt draußen.
Lena spürte den kalten Hauch eines Alptraums, der nicht enden wollte.
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Der Morgen brach mit dumpfen Tropfen an der Fensterscheibe an. Das graue Licht der Berliner Halbwelt legte sich nicht nur draußen über die Stadt, sondern auch in Lena. Die Angst knirschte weiter in ihrem Kopf.
Und doch musste sie funktionstüchtig sein.
Heute war dieser verdammte Charity-Gala-Abend – der offizielle erste gemeinsame Auftritt mit Viktor von Rabenau.
Der Gedanke daran schnürte ihr die Kehle zu.
Sie zog sich eine schwarze Seidenbluse über, ihre Hände zitterten kaum merklich, während sie die Perlenkette anlegte, die Viktor ihr gestern hastig zugeworfen hatte.
Im Spiegel begegnete ihr ein müder Schatten. Doch der Blick dahinter war schon scharf und entschlossen.
„Du bist mehr als diese Rolle, Lena. Du musst jetzt durchhalten.“
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Viktor wartete in der Lounge des Hotels. Fein geschliffen in seinem Maßanzug, die Finger nervös ineinander verschränkt, ohne es zu merken. Sein sonst so selbstsicherer Blick glitt nicht über den Raum, sondern blieb an der Tür hängen, bis Lena eintrat.
Eintritt, die Luft schien plötzlich dichter zu werden, die feinen Gläser klirrten leise, Lachen und Gespräche flossen wie funkelnde Wasser.
Sie stand da in dem schwarzen, bodenlangen Kleid, das seine Hand zitternd gewählt hatte.
Und Viktor?
Sein sonst unerschütterliches Charisma schien im Schatten zu stecken.
„Bist du bereit?“ Ihre Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern.
Er nickte, doch der Griff um ihre Hand war zu fest, als dass es einfach nur Routine sein konnte.
Lena spürte die winzigen Schwankungen seines Pulses unter ihrer Haut.
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Im Saal begrüßte eine Aura aus Glamour und Macht sie, während Kameralichter wie angekündigte Blitze zuckten. Jeder Schritt wurde von flüsternden Augen verfolgt, die nichts dem Zufall überließen.
Viktor lächelte an der Oberfläche wie immer – charmant, souverän.
Doch sein Griff um ihre Taille verriet einen kaum unterdrückten Zwang.
„Lena, folge mir.“ Seine Stimme klang förmlich, doch eine vage Härte blinzelte darin auf.
Sie ordnete prompt ihre Haltung, versuchte Breathing-Spaces der Ruhe zu schaffen, doch die Stimmen reduzierten sich nicht, sie wurden knapper, schneidender.
Bei jedem Foto schien Viktor nervöser zu werden, seine Augen suchten nicht etwa Anerkennung, sondern etwas, das ihr entging.
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„Wie lange halten wir das durch?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Schatten unter den harten Scheinwerfern der Kameras.
„Nur bis zum Ende der Gala. Und dann...“ Er brach ab, schob sie in eine kleine Ecke hinter einer schweren, goldverzierten Säule.
„Was ist?“
Sein Gesicht verzog sich für den Bruchteil einer Sekunde, verletzlich und wild zugleich.
„Es ist diese eine Sache... diese verdammte Sache, Lena. Die keiner hier außer uns kennt.“
Sie sah ihn ungläubig an. Er war der Meister der Kontrolle, der unnahbare Titan.
Und doch zitterten seine Hände bei dem Gedanken, der ihn lähmte.
Ein tiefer Atemzug.
Plötzlich folgte ein dumpfer Schlag. Hörbar nur für sie.
Sein Handy sprang in der Manteltasche auf.
Ein vibrierender Alarm auf dem Display.
Viktor griff nach der Tasche, zog das Gerät hervor. Das Gesicht auf dem leicht sichtbaren Bildschirms stand in Flammen – doch es war nicht er.
„Wer...?“ Lena wagte es nicht, den Blick zu heben.
„Ein Schatten aus der Vergangenheit.“ Seine Stimme war jetzt kaum noch mehr als ein rauer Atemzug.
Das war keine dezente Warnung mehr.
Das war das Unheil, das sie beide zu verschlingen drohte.
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Sie blickten einander an.
Zwischen ihnen floss kein Licht.
Nur dieser eine Moment.
Viktor wirkte noch nie so angreifbar.
„Du bist dir sicher, dass keiner hier davon erfährt?“ flüsterte Lena.
Er nickte stumm.
Und dann, nach einer scheinbaren Ewigkeit, riss er sich Stück für Stück zurück.
Die Maske kam zurück.
Der geschliffene Geschäftsmann.
Der undurchdringliche Milliardär.
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„Zeit, nach draußen zu gehen. Unsere Show beginnt gleich.“
Doch Lena spürte den weichen Widerstand in seiner Hand.
Die Haltlosigkeit.
Das Schweigen vor dem Sturm.
Als die großen Türen sich öffneten und ihr gemeinsamer Auftritt begann, wusste sie, dass hinter Viktors Fassade ein Riss klaffte, der noch größere Stürme ankündigte.
Warum schien Viktor plötzlich nervös vor der Öffentlichkeit?
Das beantwortete niemand.
Aber die Schatten hinter seinen Augen sagten mehr als jedes Wort.