Chapter 9
Kapitel 9 Das vergessene Verbrechen
Das Flimmern des verbotenen Geheimnisses in der Dunkelheit klebte schwer auf Livias Haut, wie eine zweite Schicht aus kaltem Schweiß. Die Luft schmeckte nach abgestandenem Rauch und einem Hauch von Metallick, der von irgendwo tief unten kam. Ihr Herz pochte gegen die Rippen, als wollte es den Käfig sprengen und in der grenzenlosen Einsamkeit davonstürmen.
Das Knarren der Tür lag noch in ihren Ohren, verlängerte sich zu einem unheimlichen Echo, das in der verfallenen Halle widerhallte. Ein eisiger Luftzug schlug ihr entgegen, zog an den Rändern ihres Mantels und gleichen einer unsichtbaren Hand, die sie zu ergreifen suchte.
Sie wusste nicht, wie lange sie so reglos gestanden hatte. Minuten? Sekunden? Zeit zersplitterte hier in fragmente, die schwer zu fassen waren wie Schatten in Nebel getaucht.
Langsam knipste Livia die kleine Taschenlampe an, die sie aus einer ihrer Jackentaschen gezogen hatte. Das schwache Licht tanzte über zerbrochene Maschinenteile, rostiges Metall und verstreute Akten, die aus einer umgestürzten Schreibtischschublade quollen.
Ihre Finger zitterten, als sie einen der vergilbten Blätter aufhob. Die Schrift war krakeliger geworden, fast unleserlich, doch ein Wort stach hervor: Experiment.
„Welches Experiment?“, flüsterte sie, als würde die Antwort die Dunkelheit zerreißen oder sie selbst verschlingen.
Jenseits der Tür schien die Stadt zu schlafen – oder hielt den Atem an. Doch hier drinnen, in diesem verborgenen Kellerraum, schien die Zeit stillzustehen.
Mit sorgsamer Neugier begann Livia, die verstreuten Dokumente durchzublättern. Aktenzeichen, kryptische Codes, Namen. Einer davon wiederholte sich immer wieder – L.N.
Sie schluckte schwer. Das waren ihre Initialen: Livia Neumann.
Ein leises Kratzen riss sie aus der Starre. Hinter den Regalen raschelte etwas. Ihr Kopf schoss herum, Augen suchten hastig die Quelle des Geräuschs. Doch da war nichts. Nur die Schatten, die mit ihr spielten.
Sollte sie weggehen? Oder näher herantreten?
Sie ließ die Papiere fallen, verschränkte die Arme und trat auf die Stelle. Eine Erinnerung blitzte flüchtig auf – Lachen. Schreie. Ein Glas, das auf dem Boden zerschellt.
„Ich... kann mich nicht erinnern.“ Sie presste die Lippen zusammen.
Die Dokumente zeigten Fotos: Das verwischte Gesicht einer jungen Frau, verwundet, hilflos. Neben ihr ein Mann in einem weißen Kittel – kein anderer als Dr. Elias Kropf.
Warum war dieses Bild in ihrem Besitz?
Ein schneidendes Gefühl stieg in ihr auf, ließ ihre Finger krallenartig verkrampfen. War sie die Frau? War sie dieses Opfer? Oder die Täterin?
Die Frage nagte an ihrer Seele, ließ sie frieren trotz der stickigen Luft.
Plötzlich vibrierte ihr Handy in der Hosentasche, riss sie aus dem Bann. Das Display flackerte – eine Nachricht von anonym.
„Die Wahrheit liegt tiefer, Livia. Bist du bereit, sie zu tragen?“
Ein zynisches Grinsen entglitt ihren Lippen.
Das war kein Zufall. Das war ein Lockruf in den Abgrund.
Ihre Augen suchten wieder den Raum ab, blieben an einem schwarzen Koffer neben dem Tisch hängen. Er war verschlossen, mit mehreren Zahlenkombinationen gesichert.
Irgendetwas ahnte sie – darin lag ein weiteres Fragment ihrer Vergangenheit, vielleicht der Schlüssel zum nächsten Puzzle.
Der Boden knirschte hinter ihr. Ein Schatten glitt ins Licht – schlank, groß, und doch mit einem Schimmer von Bedrohung.
„Du solltest hier nicht sein, Livia“, sagte eine Stimme, rau und kontrolliert.
Die Kälte in ihrem Nacken nahm zu. Die Gestalt trat näher, und unter der Kapuze konnte sie das kalte Funkeln dieser Augen nur erahnen.
„Willst du die Erinnerung mehr? Oder den Schmerz, der dir folgt?“
Livia hob ihr Kinn. Stumm. Kampfbereit.
War sie die Täterin – oder das Opfer eines perfiden Plans?
Im nächsten Moment hörte sie ein Klicken – nicht von der Zahlenkombination. Vielmehr von einem Handschuh, der einen verborgenen Schalter drückte.
Ein dumpfes Brummen erfüllte den Raum, und die Schatten verdichteten sich zu einer unschuldig wirkenden, doch tückischen Falle.
Das Licht flackerte einmal auf — dann erlosch es.
Livia war ganz allein mit ihrem vergessenen Verbrechen.