NoveliqaVergessene Schatten: Das Flüstern der Erinnerungen / Das erste Fragment :0%
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Chapter 8

Das erste Fragment

Kapitel 8 Das erste Fragment

Die Tür schwang knarrend auf, und ein scharfer Geruch von feuchtem Beton und vergilbtem Papier schlug Livia entgegen wie eine kalte Wand. Der schmale Flur dahinter war düster, nur ein mattes Licht flackerte irgendwo hinter einer halb geöffneten Tür. Ihr Herz pochte so laut, dass es in ihren Ohren dröhnte.

Jeder Atemzug fühlte sich an, als sauge er die übrige Wärme aus ihrer Lunge. Ihre Finger umklammerten die Taschenlampe, die sie hastig aus der Jackentasche gezogen hatte. Die Klinge kalten Schattens, die sich langsam in ihrem Inneren ausbreitete, ließ sie für einen Moment erstarren.

„Livia?“ Eine Stimme – rau, aber nicht unfreundlich – hallte aus dem dunklen Gang. Der Name wurde mit einer ungewohnten Sanftheit ausgesprochen, als kenne sie der Sprecher sehr genau.

Sie spannte sich an, bereit zum Zurückweichen. Doch die Stimme brach, klang plötzlich unsicher. „Ich – ich dachte nicht, du kommst so bald.“

Schritte näherten sich, langsam, zögernd. Dann stand eine Gestalt vor ihr, ebenso von den Schatten verschluckt, dass sie kaum mehr als ein Umriss war. Ihre Augen suchten ins Dunkel, und dann fiel etwas in den schwachen Lichtkegel – ein verblasstes Foto, halb aus einem Buch gerissen, das auf dem Boden lag.

Livia bückte sich, die Finger kaufeten sich um den Rand. Das Bild raschelte leise in der Stille des Flurs.

Ein Kind – vielleicht sechs oder sieben Jahre alt – lachte mit unschuldigen Augen, die in einem Moment so klar und lebendig wirkten, dass ihr Atem stockte. Die Sonne fiel warm auf das kleine Gesicht, ein Sommertag aus einem Leben, das nicht ihr eigenes zu sein schien.

Der Anblick war wie ein Stich – scharf und plötzlich. Ein unwillkürliches Zittern durchfuhr ihren Körper, während sie das Bild an sich presste.

Dann – ein Flackern. Ein winziger Moment, so flüchtig, dass sie kaum glauben konnte, was geschah. Farbsplitter wirbelten in ihrem Kopf, verformten sich zu einer anderen Szene. Sie sah sich selbst, älter, verwirrt, in einem sterilen Raum. Bleiche Wände, Glasbehälter, Geräte, deren Zweck ihr entglitt. Und eine Hand – die ihre berührte. Sanft, aber bestimmend. Eine Stimme, fremd und doch vertraut, flüsterte Worte, die sich wie zerbrechliche Scherben in ihren Geist bohrten.

„Du musst dich erinnern, Livia...“

Mit einem keuchenden Atemzug fuhr sie hoch. Ihr Herz raste, das Blut pochte wie ein Gewitter in ihren Schläfen. Sie presste das Bild fester an die Brust, als könnte es den zerbrochenen Teil ihrer Seele wieder zusammensetzen.

„Was ist das?“, hauchte die Stimme im Raum, plötzlich näher.

Livia ließ den Blick nicht von dem Foto abwandern. „Ein... Stück von mir.“

Die Gestalt trat ins Licht. Es war nicht Dr. Kropf. Eine Frau, vielleicht Anfang dreißig, mit kalten, durchdringenden Augen und einer Miene, die keine Gefühle zeigte.

„Du suchst nach der Wahrheit“, sagte sie leise, ohne jede Spur von Hoffnung in der Stimme. „Aber sei gewarnt, manche Erinnerungen sind ein Fluch.“

Ihre Worte klebten wie Nebel in der Luft. Livia spürte, wie ein unsichtbares Gewicht auf ihr lastete, die Kälte einer unbequemen Erkenntnis, die sich langsam in ihr Bewusstsein schob.

„Was verbirgt dieses Fragment?“, fragte sie, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Die Frau zögerte einen Herzschlag, dann drehte sie sich um, um in den Schatten zu treten.

„Manchmal ist das Verlorene besser im Dunkeln.“

Doch als sie zurückblickte, blitzte etwas in ihren Augen auf – eine Warnung, eine Drohung, oder vielleicht Mitgefühl?

Livia stand allein im halbdunklen Flur, das Bild fest in der Hand. Die Fragen quollen wie ein Strom aus ihr hervor, doch keine Antwort wollte sich fassen lassen. Nur eines war klar: Dies war erst der Anfang.

Ihre Erinnerung war kein glatter Spiegel mehr, sondern ein zerbrochenes Mosaik – und jedes Fragment hielt eine Wahrheit gefangen, die ihre Welt in Trümmer legen konnte.

Und irgendwo, tief in ihrem Inneren, hörte sie das Flüstern – das Flüstern der Schatten.

Was verbirgt die verlorene Erinnerung, die kaum greifbar ist?

Das Knarren einer weiteren Tür, ein kaltes Lüftchen und das Flimmern eines verbotenen Geheimnisses schlossen die Szene ab – und stürzten Livia noch tiefer in den Abgrund der Wahrheit.