NoveliqaVergessene Schatten: Das Flüstern der Erinnerungen / Vertrauter Verrat :0%
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Chapter 7

Vertrauter Verrat

### Kapitel 7: Vertrauter Verrat

Der kalte Wind schlich wie ein unsichtbarer Dieb durch die offenen Fensterläden und ließ die dünnen Gardinen taumeln. Livia stand regungslos an der Schwelle ihres kleinen, spärlich beleuchteten Apartments. Das Buch — schwer und staubig — lag nun auf dem Tisch, doch in ihrem Kopf wogten tausend stumme Fragen.

Ein Eisblock hatte sich tief in ihre Brust gebohrt, mit jedem Atemzug zog sie die Kälte tiefer in ihre Lunge. Ihr Herz schlug nicht schneller, sondern zögerlich, als würde es selbst dem drohenden Bann des Vergessens erliegen.

„Simon,“ flüsterte sie.

In der Dunkelheit blieb ihr Name ein verloren gewordener Funke.

Das metallische Klacken von Schlüsseln riss sie aus ihrem Schlummer aus Furcht. Die Tür öffnete sich mit der leisen Routine eines Vertrauten. Simon trat ein, seine Gestalt tauchte aus dem Schatten auf. Sein Blick war sonst so sicher, doch heute suchte er nervös den Raum ab.

„Livia?“ Seine Stimme klang fremd, fast gehetzt. Etwas in seinem Gesichtsriss hatte sich verändert — ein zu hastiges Lächeln, das nicht zu den müden Augen passte.

Sie zwang sich, die Stimme ruhig zu halten: „Simon, warum kommst du so spät?“

Er zögerte, ein Schatten huschte über seine Miene, ehe er antwortete: „Das ... das Büro hat länger gedauert. Datenanalyse und so.“ Seine Hände vergruben sich tief in den Manteltaschen. „Du hast das Buch wieder in der Hand gehabt."

Livia musterte ihn scharf. „Und? Was heißt das?“

Simon schüttelte den Kopf. „Es ist nur... ich habe heute etwas gesehen. Jemand... hat nach deinem Namen gefragt. Ein Mann mit einem grauen Anzug, ziemlich unauffällig — aber seine Augen... die erinnerst du dich doch sicher, oder?“

Ein kaltes Frösteln rann ihr den Rücken hinab. „Nein.“

„Ich wollte dir nur sagen, dass du vorsichtig sein musst. Du weißt nicht, wer dir wirklich helfen will.“

Das Flüstern in der Stille war dichter geworden, als sich die Wände plötzlich enger um sie legten. Livia spürte, wie sie unter dem Gewicht der alten Schatten erstickte, die sich jetzt auch zwischen sie und Simon schoben.

„Du meinst, ich soll dir nicht vertrauen?“ Ihre Stimme bebte kaum merklich, doch jeder Ton war voller Schmerz.

Simon wich ihrem direkten Blick aus. „Ich will nur, dass du aufpasst. Nicht jeder, der dir nahe ist, hat deine Freiheit im Sinn.“

Ein unheilvolles Schweigen entstand, das nur vom entfernten Röhren der Straßenlaternen zerstreut wurde. Livia spürte, wie ein Funke des Misstrauens in ihrem Herzen loderte — gegen den einzigen Menschen, der ihr Halt gab.

„Warum verheimlichst du mir sowas?“, fragte sie und griff unwillkürlich nach seiner Jacke, um Halt zu suchen.

Simon zog die Stirn kraus. „Weil ich dich schützen will. Wegen dem, was du suchst. Die Wahrheit.“

„Was für eine Wahrheit, Simon?“ Sie trat einen Schritt zurück, die Luft schien plötzlich schwerer, erstickt von Unsicherheit. „Du redest in Rätseln, aber du weißt etwas!“

Er runzelte die Stirn, doch sein Blick wurde flüchtig. „Manchmal schützt man besser, wenn man nicht alles sagt.“

Eine große Trostlosigkeit kroch in ihr hoch, als ein Verdacht sich wie ein reißender Fluss in ihr Bewusstsein bohrte. Nicht jeder Verbündete war das, was er zu sein schien.

„Simon, ich muss wissen, ob du wirklich auf meiner Seite bist.“ Ihre Stimme wurde schärfer, fordernder. „Oder bist du derjenige, den ich fürchten sollte?“

Er trat näher, sein Atem war warm gegen die kalte Luft, doch seine Augen verhüllten das, was sie suchte. „Livia...“

Ein dumpfes Klopfen an der Tür schnitt durch die Spannung, die sich aufgebaut hatte wie ein unsichtbares Messer. Beide erstarrten.

Die Schatten spielten auf seinem Gesicht, ein kaum merkliches Zucken an seiner Lippe.

Sie sah in seine Pupillen — und fragte sich, ob sie in ihnen noch den Mann erkannte, dem sie einst vertraut hatte.

Die Frage hing schwer zwischen ihnen wie ein offener Abgrund.

Konnte sie ihm noch glauben?

Oder war er der Verräter, der längst in ihrem Schatten stand?

Der Griff an die Türklinke zitterte in ihrer Hand, der kalte Stahl fühlte sich wie ein Seil um ihr Schicksal.

Und hinter der Tür wartete die Antwort, die alles verändern würde.