Chapter 6
Kapitel 6 Der Schatten des Doktors
Die Dunkelheit schien sich um sie zu schließen, als Livia sich hastig abwandte. Ihr Herz schlug wie ein Hammerschlag gegen Brustbein und Rippen – ein dumpfes Pochen, das alles andere übertönte. Der Schatten hinter ihr bewegte sich nicht, doch die Kälte, die von ihm ausging, brannte durch ihre Haut wie Eiswasser.
„Wer... wer ist da?“ Ihre Stimme kam kaum über ein Flüstern hinaus, rau und gebrochen vom Schock.
Sie drehte sich langsam um, wollte Klarheit erzwingen, aber da war nichts als Schwärze. Oder doch nicht? Nein. In der Finsternis glomm ein einziges, kaltes, grünes Licht – winzig, wie ein Auge, das sie aufmerksam musterte.
Livia spürte, wie ihre Finger krampften, die Muskeln versteinerten. Ein innerer Instinkt schrie, das Weite zu suchen. Doch ihre Beine waren wie gelähmt, eine Mischung aus Überraschung und einer unerklärlichen, eisigen Faszination hielt sie fest.
Plötzlich drang eine Stimme an ihr Ohr, leise und doch durchdringend. Ein Flüstern, schwer zuzuordnen, aber voller Macht.
„Du suchst nach dir selbst, Livia. Doch ich sehe dich schon lange.“
Ein heißer Schauer zog ihr den Rücken hinunter. Der Name, unausgesprochen, aber klar – Elias Kropf. Sein Schatten kroch aus der Dunkelheit hervor, nicht körperlich, sondern in ihren Gedanken, in jeder Faser ihres verworrenen Bewusstseins.
Sie atmete tief ein, rang nach Kontrolle. „Was willst du von mir?“ Ihre Stimme war nun fester, fordernd.
Wieder dieses Flüstern, das zwischen Realität und Albtraum schwebte. „Die Wahrheit ist nicht immer angenehm. Aber du bist näher, als du denkst. All deine Fragen – sie sind Teil eines größeren Spiels. Und ich halte die Karten.“
Ein Schatten bewegte sich am Rand ihres Blickfelds – das leise Klicken von Absätzen auf nassem Asphalt.
„Warum... warum hast du so viel über mich?“, presste Livia hervor. Ein Zittern lag in ihrem Ton, das sie selbst nur schwer kontrollieren konnte.
Das Flüstern wurde intensiver, schärfer. „Weil du mehr bist als Erinnerungen, mehr als eine verlorene Seele in dieser Stadt. Du bist das Puzzle, das ich zusammensetze. Jedes Teil, das du findest, führt direkt zu mir.“
Der kalte Wind peitschte um die Ecke des Gebäudes, ließ lose Blätter hochwirbeln, ihre Papierfetzen flogen wie rastlose Geister durch die Nacht.
Livia wandte sich losgerissen um und spürte, wie ihr Blick einen späten Leser auf einer verfallenen Hausmauer fixierte: Ein verblasstes, handgeschriebenes Notizbuch lag dort, halb verdeckt von Schatten.
Sie kniete sich hin, griff danach, die Seiten zart und brüchig, als hielte sie die zerbrechlichen Fäden ihrer eigenen Geschichte.
Der Name auf dem Umschlag schlug ihr entgegen: „E.K.“ – Elias Kropf.
Ihre Augen flogen über die Worte, doch die Bedeutung blieb verborgen, verschlüsselt, ein Labyrinth aus Gedanken und Formeln, Verbindungen, die sie nicht verstand – oder nicht verstehen wollte.
Hinter ihr ertönte plötzlich ein leises Lachen, tief und unangenehm, das wie eine Klinge durch die kalte Luft schnitt.
„Du glaubst, du kontrollierst die Geschichte, Livia. Doch ich schreibe sie – und du bist mein Protagonist.“
Livia richtete sich auf, der Blick hart, während in ihr ein Sturm tobte. „Ich werde nicht deine Marionette sein.“
„Oh doch“, hauchte die Stimme hinter ihr, „du hast keine Wahl.“
Der Schatten löste sich langsam auf, doch die letzten Worte brannten wie Feuer in der Stille der Nacht.
Livia hielt das Notizbuch fest an ihre Brust gepresst, die Finger krallenartig verkrampft.
Warum wusste Elias Kropf so viel über sie? Und was war der wahre Grund für sein Interesse an ihr?
Sie spürte, wie das Puzzle um sie herum langsam zusammenfiel – und hinter jedem Teil lauerte eine neue, dunkle Frage.
Ein Auto rollte auf der verlassenen Straße vorbei, das Scheinwerferlicht schnitt eine schmale Schneise durch die warme Dunkelheit, bevor es in der Ferne verschwand.
Und aus der Dunkelheit kroch ein weiteres Flüstern, unhörbar für alle, außer für Livia.
Die Wahrheit war näher, als sie je vermutet hatte.
Und sie würde sich stellen müssen. _
Das Notizbuch schien sich in ihren Händen zu vergrößern, als ob es die gesamte Last der Vergangenheit barg. Sie öffnete es vorsichtig, die Schrift wirkte auf den ersten Blick chaotisch – Skizzen, Diagramme, zerfasertes Gedankengut.
Doch dann stieß sie auf ein Foto, fast vergessen zwischen den bedruckten Seiten. Ein Gruppenbild aus einer Klinik, anonym und doch unheilvoll.
In der Mitte stand ein Mann mit strengem Blick, dessen Augen direkt mit ihrer kollidierten – Elias Kropf.
Neben ihm: ein junges Mädchen, dunkelhaarig, die Gesichtszüge schemenhaft, aber vertraut. Ihr Herz fing an zu hämmern. War das... sie?
Ein Kratzen an der Tür riss sie aus der Stille. Ihr Körper spannte sich wie eine gespannte Saite, eine Warnung, die jedes Geräusch fortan zur Bedrohung machte.
„Livia?“ Eine Stimme, leise, zögerlich, fast wie ein Schatten aus einer anderen Erinnerung.
Sie drehte sich langsam um. Doch statt Erlösung stand nur der Schatten des Doktors, unsichtbar in jeder Bewegung der Nacht, bereit, ihr alles zu nehmen – oder ihr alles zu geben.
Ein letzter Gedanke schoss durch ihren Kopf: Warum wusste Kropf so viel über sie – und warum schien er in jedem ihrer Schritte präsent zu sein, wie ein unsichtbares Netz, das sie zu erdrücken drohte?
Mit zitternden Händen schloss sie das Buch.
Die Kälte der Nacht fraß sich durch ihre Kleidung, doch das Gefrorene war längst in ihrem Inneren angekommen.
Das Flüstern der Erinnerungen war kein Laut mehr.
Es war ein Sturm – der Schatten des Doktors.