NoveliqaVergessene Schatten: Das Flüstern der Erinnerungen / Spuren eines Fremden :0%
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Chapter 3

Spuren eines Fremden

Kapitel 3: Spuren eines Fremden

Der kalte Griff kroch wie ein stummer Nebel durch ihren Nacken, ließ kleine Stacheln auf ihrer Haut tanzen. Livia stand reglos, der Atem ein leises Flüstern in der dichten Stille. Kein Geräusch, kein Rascheln. Nur der dumpfe Schlag ihres Herzens, der gegen die Einsamkeit hämmerte.

Langsam drehte sie sich um. Nur eine leere Straße, ausgebleichtes Pflaster, das in der matten Straßenlaterne kaum zu erkennen war. Ein Schatten, der sich hastig in die Gasse drückte – verschluckt von der Dunkelheit.

“Wer bist du?” hauchte sie, doch nur ihr eigener Atem antwortete.

Das Flüstern ihrer Erinnerungen blieb verstummt, doch aus dem dichten Schweigen krochen bruchstückhafte Gedanken. Fragmente von Gesichtern, flüchtige Namen, Versprechen im Nebel aus gestern.

Ein kalter Wind fuhr durch die engen Gassen der Stadt, trug den düsteren Geruch von feuchtem Asphalt und abgestandener Angst. Livia zog den Mantel enger um sich, ihre Finger griffen instinktiv nach ihrem Notizbuch, das ihr einziger Halt in diesem Meer aus Vergessen war.

Der einzige Weg vorwärts: Antworten finden, wo vorher nur Fragen waren.

Zurück in ihrer spärlich beleuchteten Wohnung öffnete sie die Schublade ihres Schreibtisches. Dort lag ihre kleine Sammlung aus Hinweisen – Notizen, zusammengesuchte Puzzleteile ihrer zerstreuten Vergangenheit. Ihrer persönlichen Landkarte durch das Chaos.

Sie zog ein gelbliches, leicht zerknittertes Kuvert hervor, das noch den muffigen Geruch von Moder und Zeit trug. Keine Markierung, kein Absender. Vorsichtig öffnete sie es.

Ein kalt gedrucktes Foto glitt heraus.

Das Bild zeigte eine andere Zeit, einen anderen Moment. Zwei Personen standen darin, von denen eine unbestreitbar Livia war – oder zumindest ihr Abbild. Ihr Gesicht erschien klar, die Augen voller Leben, das Lächeln unverstellt und ungezwungen.

Neben ihr stand ein Mann, den sie nicht kannte. Seine Augen versteckten sich hinter einer dunklen Brille, doch seine Haltung verriet Vertrautheit, vielleicht sogar etwas Schutzsuchendes. Eine Hand hatte er um ihre Schulter gelegt, fast wie ein stummer Schwur.

Livia sog die Luft scharf ein. Wer war dieser Fremde? Warum brannte das Bild wie ein Schnitt in ihrem Gedächtnis, als würde es eine verbotene Wahrheit enthüllen?

Sie drehte das Foto um. Auf der Rückseite ein hastig geschriebener Name: „J. Weber“.

Dieser Name sagte ihr nichts. Aber die Schrift – sie wirkte bekannt, als hätte sie sie schon einmal gesehen, ohne sie zuordnen zu können.

Ihr Herz schlug schneller, während sie erneut das Bild betrachtete. Fragen knisterten wie Blitze in ihrem Kopf, jeder davon setzte das fragile Gerüst ihrer Realität zum Wanken.

Das Flüstern ihrer Erinnerungen schien plötzlich wieder zu erwachen, zaghaft und brüchig. Doch über allem lag die kalte Präsenz eines drohenden Schattens, zu dicht, um entkommen zu können.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ Livia förmlich zusammenzucken.

„Livia, bist du da?“, rief eine Stimme aus dem Treppenhaus, vage vertraut, aber dabei fremd genug, um Unsicherheit zu säen.

Langsam, mit pochendem Herzen, legte sie das Foto behutsam beiseite. Wer war dieser „J. Weber“? Und was verband ihn mit ihrer zerbrochenen Vergangenheit?

Das Wissen war da – greifbar, doch unentwirrbar verschlungen in dunklen Schatten.

Livia öffnete die Tür einen Spalt.

Ein kaltes Lächeln umspielte die Lippen der Person auf dem Flur.

„Ich denke, wir müssen reden.“

Und in diesem Moment zersplitterte das letzte Stück Sicherheit unter ihren Fingern.

Ende Kapitel 3