NoveliqaVergessene Schatten: Das Flüstern der Erinnerungen / Das doppelte Spiel :0%
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Chapter 16

Das doppelte Spiel

Kapitel 16: Das doppelte Spiel

Das Feuer in Livia brannte weiter. Nicht hell, aber unerbittlich. Ihre Beine fühlten sich noch schwer an — als hätten sie den Kampf gegen den kalten Wind draußen gerade erst überstanden. Doch der wahre Kampf, der in ihr tobte, tobbte jetzt lauter denn je.

Die rostige Lampe über der Tür des kleinen Cafés flackerte sanft, warf zittrige Schatten auf die Tapete. Draußen hallten entfernte Schritte auf dem nassen Pflaster wider, mischten sich mit dem dumpfen Tropfen von Regen, der vom Dachrinnensims auf die Straße fiel.

Livia saß am Holztisch in der hintersten Ecke, die Augen vom fahlem Licht arg beansprucht. Ihre Finger umklammerten die Tasse mit fast leerem schwarzem Kaffee, doch der heiße Dampf ließ ihre Hände zittern.

„Du siehst aus, als hättest du Geister gejagt“, sagte eine tiefe Stimme, weich und doch gesättigt von einem Unterton, der Livia wie ein Schatten den Atem schnürte.

Sie hob den Blick. Vor ihr stand Jonas Riedel. Der Mann, den sie einst für einen Verbündeten gehalten hatte — ihren Vertrauten in diesem undurchdringlichen Netz aus Geheimnissen und verlorenen Erinnerungen.

Seine Augen blitzten kalt und berechnend, doch sein Lächeln wirkte brüchig, als hätten die Schatten, die sie beide jagten, an seiner Fassade genagt.

Livia versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten, doch die Anspannung in ihr wallte hoch wie eine Flutwelle: „Warum bist du hier, Jonas?“

Er zog den Stuhl zurück, setzte sich ihr gegenüber und ließ die Finger langsam über die Tischkante gleiten, als wiegte er jedes Wort längst in Gedanken ab.

„Weil du jemanden brauchst, der dir endlich reinen Wein einschenkt“, sagte er und lehnte sich zurück. „Jemand, der weiß, wie dieses Spiel wirklich läuft.“

Sein Blick glitt instinktiv zur Tür, dann zurück zu ihr.

Livia biss die Lippen zusammen. Ihr Herz schlug hörbar in den Ohren, nervös und zugleich wild vor Misstrauen. Ihre Finger gruben sich tiefer in die Tischkante. „Du hast mich angelogen, nicht wahr? Von Anfang an.“

Jonas hob die Hände leicht, das typisches Zeichen von Unschuldsbeteuerungen, doch seine Augen glitten nicht von ihrem Gesicht. „Ich habe nie gesagt, dass ich dir alles erzählt habe. Weil ich es nicht konnte. Nicht durfte.“

Eine frostige Stille setzte sich zwischen ihnen.

„Also bist du… ein Informant für Kropf?“ Livia spürte, wie ihr Hals sich zuschnürte.

„Hör zu.“ Seine Stimme wurde leiser und drängender. „Ja, ich arbeite für ihn. Aber nicht, um dich zu verraten. Sondern um dich zu schützen.“

„Schützen?“ Spott schwang in ihrem Atem mit. „Du bist der Grund, warum mich niemand für vertrauenswürdig hält. Warum du mir immer einen Schritt voraus bist.“

Jonas’ Blick war scharf, schien beinahe zu stechen. „Du bist an einem Punkt angelangt, an dem Kontrolle wichtiger ist als Freiheit. Kropf hat Kräfte, von denen du noch nicht einmal zu träumen wagst. Er spielt ein doppeltes Spiel — wie ich.“

Livia verengte die Augen. „Was willst du wirklich von mir?“

Da blieb er einen Moment stumm, lag vertraut und doch völlig ungreifbar in seinen Gedanken verborgen. Dann sagte er leise: „Ich will, dass du überlebst. Dass du den Weg findest, bevor er ihn dir verbaut.“

Der Regen trat unter der Tür hervor, zischend und kalt. Ein eisiger Schauer kroch Livia über den Rücken.

„Ich weiß nicht, ob ich dir glauben kann, Jonas. Nicht mehr.“

Er stand abrupt auf, die Stuhllehne knarrte leise.

„Das muss reichen“, sagte er kurz und griff in seine Manteltasche. Einen Moment zögerte er, zog dann einen kleinen, abgewetzten Zettel hervor und legte ihn vor ihr auf den Tisch.

Das Papier war zerknittert, doch darauf standen nur wenige Worte:

„Treffpunkt: Alte Fabrikhalle, Tor 7 — morgen, Mitternacht. Vertraue niemandem außer dir selbst.“

Seine Finger strichen nervös über die Kante des Tisches, dann erhob er sich.

„Dies ist kein Spiel mehr, Livia. Du bist viel gefährlicher, als du denkst — für ihn und für dich selbst.“

Er sah kurz zurück, dann huschte er aus dem Café, ließ sie mit einem Wirrwarr aus Wahrheit und Lügen zurück.

Livia starrte auf den Zettel, während ihre Hand langsam erbebte.

Hilft er ihr? Oder stellt er sie bewusst in Gefahr?

Das Flüstern der Schatten wurde lauter.

Ende Kapitel 16