Chapter 15
Kapitel 15: Verborgene Gespräche
Das Klicken der Tür hallte noch in Livias Ohren nach, sein widerhallendes Echo schien den Raum einzufrieren. Ihr Herz klopfte gegen ihren Brustkorb, als wollte es ausbrechen — nicht nur vor Angst, sondern vor einem Urinstinkt, der ihr sagte: Du bist hier nicht mehr sicher.
Langsam, fast schwebend, legte sie die Hand auf den kalten Vorhang, der die Tür halb verdeckte. Jeder Muskel in ihrem Körper spannte sich an. Die Lüftung gab ein kratzendes Geräusch von sich, der Staub in der dunklen Ecke wirbelte durch eine kaum wahrnehmbare Bewegung.
Eine Untertreibung, zu sagen, dass Zeit plötzlich langsamer lief. Jeder Atemzug fühlte sich an, als ob die Luft selbst gegen ihre Lungen kämpfte.
Sie zog sich tiefer in den Schatten zurück, verschmolz nahezu mit der Wand hinter ihr. Die Welt war in Schwarzgrau getaucht, und das schwache Leuchten der Straßenlaternen fiel wie bleierne Finger durch den schmutzigen Fensterrahmen.
Dann hörte sie Stimmen.
Hoch und leise, wie Kratzen auf Papier. Zuerst unverständlich, dann deutlicher.
„...die Neumann... sie ist gefährlicher, als wir dachten.“
Die Worte – ihr Name – bohrten sich in ihren Kopf wie scharfe Splitter. Livia zwang sich, still zu bleiben. Jeder muskuläre Reflex schrie nach Bewegung, nach Flucht, doch die Neugier war stärker, überwältigende Fesseln aus Unsicherheit und Entschlossenheit.
Die Tür öffnete sich weiter, ein schwacher Spalt nur – durch den Raum drang Licht, betäubend kalt. Sie entdeckte zwei Silhouetten, die sich nahe der Tischkante beugten, Stimmen flüsterten schwer und schneidend.
„Kropf sagt, wir müssen ihre Erinnerungen endgültig löschen. Wenn sie einmal erwacht, bringt sie alles ins Wanken.“
Livia biss die Lippe, ihr eigener Atem schien laut in ihrer Brust dröhnen zu wollen. „Endgültig löschen?“, hauchte eine zweite Stimme, tief und dunkel, voll unverhohlener Bedrohung.
„Ja“, kam die Antwort mit eisigen Untertönen. „Der Versuch gestern war nur eine Vorbereitung. Das nächste Mal gibt es kein Zurück mehr. Das Mädchen darf nicht wissen, wer sie wirklich ist. Nicht, bevor wir alles kontrollieren.“
Jeder Herzschlag brannte, jede Sekunde dehnte sich ins Unermessliche.
„Was, wenn sie andere Verbündete findet?“, flüsterte die dunkle Stimme nachdenklich, als zögerte sie. „Sie darf keine Chance bekommen, die Wahrheit zu verbreiten. Kropf hat bereits einen Plan, wie wir sie zum Schweigen bringen.“
„Ich hasse es, so zu tun – wir schnüren ihr die Flügel ab und zwingen sie in Käfige. Aber es bleibt keine Wahl. Für unser Projekt, für unsere Macht.“
Livia fühlte, wie eine unsichtbare Faust ihren Magen zusammenschnürte. Sie war ein Schachfigur in einem mörderischen Spiel, und das Schlimmste: Sie war selbst die Schachfigur, die man aus dem Spiel nehmen wollte.
„Was planen sie?“, fragte die zweite Figur wieder, und das Kratzen auf dem Holz des Tischs ließ eine tödliche Spannung entstehen.
„Näher kommt uns keiner mehr – und wenn doch, dann entfernen wir alle Spuren. Keine Zeugen, keine Fehltritte. Livia Neumann ist der schwächste Link, der zerbricht, sobald wir zuschlagen.“
Stille breitete sich aus. Ein kalter Nebel, der den Raum erfüllte.
Dann ein fast hörbares Ziehen an ihrem eigenen Verstand. Ein Bild blitzte auf — Abschied, Verrat, fallende Masken.
Sie schluckte. Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihres Mantels.
Plötzlich bewegte sich eine der Gestalten schneller, die zweite fluchte leise.
„Die Polizei hat keine Ahnung, was da läuft“, murmelte der zweite Mann. „Kein Wunder, dass sie uns bisher nicht auf die Spur gekommen sind. Aber mit der Neumann – das ändert alles.“
Das Wort „Neumann“ fiel wie ein Bündel Dynamit in Livias Kopf. Sie hatte keine Erinnerung daran, ob dieser Name ihr zugeneigte Freunde oder gefährliche Feinde bedeutete. Doch jetzt – mehr als je zuvor – sträubte sich in ihr jede Faser gegen das Dunkel, das sie zu verschlingen drohte.
Sie musste wissen, was sie planten.
„Wir treffen uns morgen früh in der alten Werkstatt hinter der Fischerbrücke. Da werden die letzten Details besprochen. Kropf selbst wird da sein“, sagte die erste Stimme mit kalter Entschlossenheit.
„Gut“, antwortete die dunkle Stimme knapp. „Bis dahin verschwinden wir im Schatten. Niemand darf etwas vermuten. Nicht einmal der ahnungslose Rest der City.“
Ein plötzliches Klopfen an der Tür, von der anderen Seite.
Die Stimmen verstummten. Ein kurzes Geflüster:
„Sie ist noch hier?“
„Ja, aber wir müssen weg.“
In Livias Brust hämmerte es wie wild. Jeder Muskel erstarrte auf Befehl. Die Schatten schienen noch näher zu rücken.
„Bereit machen. Sie darf uns nicht folgen“, befahl die erste Stimme.
Die Tür schloss sich mit einem dumpfen Knall.
Ein eiskalter Windstoß jagte durch den Raum, wirbelte lose Blätter und ihre aufgewirbelten Gedanken in chaotischen Spiralen.
Livia blieb zurück. Nur der dumpfe Puls ihres eigenen Herzens zerbrach die Tiefe der Dunkelheit.
Was genau planten jene, die sie als Bedrohung sahen?
Ein Kampf gegen die Zeit begann — und sie war dabei, ohne jede Erinnerung auf verlorenem Posten.
Sie würde nicht tatenlos zusehen. Niemals.
Die Stimmen, die sie gerade belauscht hatte, waren der Schlüssel zu ihrer Wahrheit. Und vielleicht zu ihrer Freiheit.
Die Nacht draußen blieb kalt und unbarmherzig.
Doch in ihrem Inneren brannte ein Feuer — schwach, aber unaufhaltsam.
Unaufhaltsam wie das Flüstern der Erinnerungen, das langsam aus den Schatten kroch.
Ende Kapitel 15