NoveliqaVergessene Schatten: Das Flüstern der Erinnerungen / Das Verhör :0%
Log in

Chapter 14

Das Verhör

Kapitel 14: Das Verhör

Die Stille nach dem letzten Satz kroch schwer wie Blei durch den kahlen Raum. Livia spürte, wie ihre Haut sich vor Kälte spannte, obwohl die Heizung längst lief. Das Flimmern der Neonröhre über ihnen riss Fäden in die Dunkelheit, deren Schatten über ihre nackten Arme tanzten.

Dr. Elias Kropf nickte langsam, sein Blick bohrte sich wie ein Messer in ihre Augen. Seine Präsenz füllte den Raum, ein kalter Sturm aus berechnender Ruhe und unterschwelliger Bedrohung.

„Du bist hierher gekommen, weil du Antworten willst“, begann er ruhig, die Stimme glich dem Kratzen eines Schiefertafelschwamms an einem alten Pult. „Aber bist du sicher, dass du mit der Wahrheit umgehen kannst?“

Livia schluckte. Ein feuchtes Knistern stieg in ihrer Brust hoch, die Worte brannten wie Glas in ihrem Inneren. Sie drehte die Hände ineinander, die Finger zitterten leicht – ein kaum spürbares Erdbeben, das ihr Herz nicht beruhigte.

„Ich will wissen, was passiert ist. Wer ich wirklich bin.“ Ihre Stimme klang dünn, doch in ihrem Inneren flackerte ein entschiedenes Feuer.

Kropf lächelte – das Lächeln eines Mannes, der zu viel wusste und genau das auskostete. „Wir haben alle Geheimnisse, Livia. Manche sind dunkler als du dir vorstellen kannst. Doch sag mir: Erinnerst du dich an… den Sommer 2009?“

Das Flimmern der Neonlampe schien einen Moment aufzutauchen, zu erlöschen, dann wieder zu flackern. Livia schloss die Augen, als würde sie sich an etwas verbrennen, das ihr nie ganz gehörte.

„Nein.“ Ihre Stimme brach, gebrochen von Angst.

„Oh, doch. Du erinnerst dich. Du hast es nur vergraben.“ Seine Finger trommelten leicht gegen den Tisch. „Die Wahrheit liegt in den Schatten, in den Momenten, die du zu fürchten versuchst. Du warst Teil eines Experiments... etwas, das nicht für Fremde bestimmt ist.“

Ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte, es müsse der schrille Ton eines Alarmgongs sein, der durch den Raum hallte. Gedanken wirbelten – Bilder, die kommen wollten und doch im Nebel ertranken.

„Was für ein Experiment?“ Sie zwang sich zu sprechen, wissend, dass jeder Satz sie tiefer in dieses Netz zog.

Kropf lehnte sich vor, düstere Augen blitzten auf. „Ein Heilungsversuch. Nicht für den Körper, sondern für den Geist. Erinnerungen wurden extrahiert, modifiziert, vernichtet. Du warst ein Versuchskaninchen – und heute bist du der lebende Beweis für Erfolg und Scheitern zugleich.“

Der Blick des Mannes zerbrach wie Glas, glitt zu einem roten LED-Bildschirm in der Ecke. Das leise Summen der Technik unterstrich die drohende Atmosphäre.

„Sag mir, wie fühlt es sich an, wenn einem der Verstand entgleitet? Wenn man an der eigenen Identität zerrt, bis sie auseinanderfällt?“

Livia biss die Lippen aufeinander, der bittere Geschmack von Angst durchzog sie. Wie eine Welle rollte der Wunsch auf, aufzustehen, zu fliehen, zu schreien – doch die Kälte der Gefangenschaft hielt sie fest.

„Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.“ Das musste sie eingestehen. „Aber ich will es wissen.“

„Dann stell dich deinen Schatten. Oder sie verschlingen dich.“ Seine Stimme wurde scharf, ein klares Messer, das die Luft zerschnitt.

Livia spürte, wie sich eine weitere Schicht der Dunkelheit in ihr öffnete. Fragmente tanzten vor ihren Augen, wenn sie die Stirn runzelte. Doch dann hielt sie inne. Ein Funken. Ein Bild.

„Warum hast du Details über mich… die nicht veröffentlicht sind?“

Kropfs Augen verengten sich, so als hätte sie eine unsichtbare Linie überschritten.

Er lachte leise, eine Mischung aus Spott und beeindruckter Anerkennung. „Weil ich dich geschaffen habe, Livia. Und weil nur ich die Kontrolle über das habe, was wirklich in deinem Kopf liegt.“

Dann, fast beiläufig, schob er ein kleines, abgegriffenes Foto über die Tischplatte.

Darauf war sie – aber nicht die Frau, die sie war, sondern jemand anderes. Jemand mit lachenden Augen und verletzlichen Narben, die auch ihre waren, doch die sie längst vergessen hatte.

Livia starrte auf das Bild, das Gewicht der Enthüllung lastete auf ihrer Seele wie Blei.

„Wie viel von dir bist du noch?“, flüsterte Kropf.

Und in diesem Moment wusste sie: Die Wahrheit, die sie suchte, war zerbrechlicher und gefährlicher, als sie es je erwartet hätte.

Ein kaltes Klicken ertönte an der Tür.

Der Schatten hinter dem Vorhang bewegte sich.

Livia schluckte.

Und die Nacht begann erst jetzt wirklich.

Ende Kapitel 14