NoveliqaVergessene Schatten: Das Flüstern der Erinnerungen / Wahrheit im Spiegel :0%
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Chapter 13

Wahrheit im Spiegel

Kapitel 13: Wahrheit im Spiegel

Das Gewicht auf Livias Schulter war so abrupt verschwunden, als hätte die Dunkelheit sie gerade noch einmal ausgestoßen – ein bösartiger Atemzug, der ihr Herz in rasendes Flattern versetzte. Die Stille, die danach folgte, war nicht beruhigend, sondern wie das Knirschen von splitterndem Glas unter unsichtbaren Füßen.

Livia blinzelte. Ihr Blick haftete an dem kalten Metall des Türgriffs, der ihr letzte Sicherheit geboten hatte. Ihre Finger krampften sich darum, als wollten sie eine Ankerlinie zu irgendeiner Realität ziehen, die nicht sofort entglitt.

„Warum...?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein rauer Flüsterton, der im dunklen Korridor verhallte.

Der Schatten, der sich aus dem Spalt streckte, verschmolz mit der Umgebung. Ein leichter Hauch, kaum spürbar, aber doch durchdringend — Verheißung und Bedrohung zugleich. Und dann das Dröhnen ihrer eigenen Angst, die wilder zu rauschen begann, je mehr sich der Strom der Erinnerungen gegen die Stauwand wand.

Ihre Füße bewegten sich nicht von der Stelle. Der Druck im Brustkorb wuchs an, schob gegen ihre Rippen wie ein eingesperrtes Tier. Die Luft wurde dünner, das Herz schlug unregelmäßig, wild, ein jäher Trommelschlag, der sie vermutlich verraten würde, bevor die Wahrheit auf den Tisch kam.

Sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie musste zurück. Zurück zum Spiegel. Zurück zu dieser gefährlichen Roulette, bei der die eigene Reflexion mehr verriet als bloß das Spiegelbild.

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie mutig oder wahnsinnig war, wandte sie sich um und ging zurück durch die Flure des verlassenen Gebäudes. Jeder Schritt war ein Hammer in ihrem Kopf, jedes Knarren der alten Dielen ließ ihre Haut kribbeln.

Endlich erreichte sie den Raum, dessen einzige Beleuchtung das fahle Leuchten der Straßenlaterne durch das schmutzige Fenster war. Der alte Spiegel an der Wand stand wie ein stiller Wächter der Dunkelheit.

Livia blieb davor stehen, schenkte ihrem eigenen Blick einen flüchtigen Moment. Doch da war es – dieses Kribbeln auf ihrem Rücken, das sich ins Mark fraß.

Langsam hob sie den Blick, schaute noch einmal genauer hin.

Die Person im Spiegel war sie. Oder besser gesagt: das Bild, das ihr Körper von ihr zeichnete. Doch etwas stimmte nicht.

Die Augen schienen leerer, kälter, als wären sie aus Eis gemeißelt, statt aus Leben geboren. Die Züge waren vertraut, und doch fremd, verzerrt, als ob das Spiegelbild ihre Seele in eine andere Form gezwungen hätte.

Ein feines, kaum wahrnehmbares Lächeln spielte um die Lippen – ein Lächeln, das nicht ihr war.

Livia spürte, wie der Atem in ihrer Brust stockte, als das Spiegelbild sich leicht neigte und die Augen nicht von ihr abwandten. Es war, als würde dieser andere Schatten sie durchbohren, als wüsste er von Dingen, die sie vergessen hatte, oder nie erfahren sollte.

„Wer bist du?“, hauchte sie und tastete instinktiv nach dem Türgriff hinter sich, obwohl die Tür weit geöffnet war und Flucht kein sicherer Ausweg schien.

Das Spiegelbild bewegte sich nicht, reagierte nicht. Doch das Lächeln wich nicht.

Langsam hob das Spiegelbild die Hand – eine Bewegung so exakt und doch unnatürlich, als wäre sie ein stummes Signal, das nur für Livia bestimmt war.

Mit zitternden Fingern legte Livia ihre Hand gegen das kalte Glas. Für einen Herzschlag glaubte sie, dass das Spiegelbild die Bewegung spiegelte, sie damit widerhallte.

Doch das Bild machte etwas anderes.

Das Spiegelbild zog sich zurück, wurde undeutlicher, als löste es sich auf, und der Raum hinter dem Glas begann sich zu verändern. Schatten krochen über das Spiegelglas, formten sich zu etwas, das Livia nicht verstand, aber tief in ihrem Inneren fürchtete.

Dann – ein Flüstern, kaum hörbar, gelang durch die Stille.

„Nicht alles, was du bist, gehört dir.“

Livia ließ die Hand fallen und stolperte zurück. Das Herz hämmerte wie der Takt einer Kriegstrommel. Sie holte tief Luft, der kalte Raum schien plötzlich klaustrophobisch nah.

„Warum...?“ Ihr Blick flog zurück zum Spiegel.

Doch das Spiegelbild war verschwunden. Nur ihr eigenes schwaches Spiegelbild starrte zurück.

Die Verwirrung breitete sich wie flüssiges Gift aus.

Warum schien ihr Spiegelbild eine andere Geschichte zu erzählen?

Ein flaues Gefühl wuchs in ihrem Magen, wanderte wie scharfe Nadeln in alle Glieder.

Sie wollte weglaufen, doch die Wahrheit hatte sie eingekeilt wie ein Jäger sein Wild.

Die Schatten im Raum lösten sich zu dichten Wolken, die die Kanten des Spiegels verschlingen wollten. Livia spürte, dass hinter diesem Glas mehr verborgen war als nur ihr eigenes vergessenes Ich.

Sie zwang sich, noch einmal hinzusehen.

Da war ein Name. Ein winziger Kratzer im Spiegel, der bei genauerem Hinsehen wie ein Schriftzug aussah.

„Kropf.“

Ihr Herz setzte aus.

Dr. Elias Kropf.

Der Mann, dessen Griff auf ihrem Leben erbarmungslos war.

Der Mann, der offensichtlich nicht nur ihre äußere Welt, sondern auch das Innere ihres Vergessens beherrschte.

Ein kalter Schauer jagte ihren Rücken hinab.

Dieser Spiegel … er zeigte nicht ihr wahres Ich.

Er erzählte eine Geschichte, die nicht ihre war.

Und vielleicht war es genau diese Geschichte, die Dr. Kropf zu schützen suchte – mit jedem Schatten, mit jedem vergessenen Fragment aus Livias Geist.

Der Raum schien sich zusammenzuziehen, die Luft wurde dick – fast erfühlbar. Sie konnte das Flüstern fast greifen, das durch die Wände kroch: Das Flüstern von Erinnerungen, die nicht für sie bestimmt waren.

Ein Pochen an der Tür riss sie aus ihrem Bann.

Langsam drehte sie den Kopf.

Ein Schatten trat in den Türrahmen, ein undeutbares Profil im Dämmerlicht.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Wer konnte es sein?

Derjenige, der den Schlüssel zum vergessenem Labyrinth in ihrer Seele besaß? Oder jemand, der das dunkle Geheimnis des Spiegels bewahren wollte?

Die Luft fror.

Das Spiel um die Wahrheit begann erneut.

Und diesmal gab es keinen Rückzug.

Ende Kapitel 13