NoveliqaVergessene Schatten: Das Flüstern der Erinnerungen / Gesichter der Vergangenheit :0%
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Chapter 10

Gesichter der Vergangenheit

Kapitel 10 Gesichter der Vergangenheit

Das kalte Dunkel kroch wie eine nasse Decke über ihre Haut, jede Zelle schien zu zittern im abrupten Schweigen, das das Flackern des Lichts hinterlassen hatte. Livia lag reglos auf dem kalten Betonboden, der muffige Geruch von abgestandenem Metall und feuchtem Stein drang schwer in ihre Nase. Ihr Herz jagte – rau und ungestüm – ein Trommelfeuer, das gegen die Stille anschlug.

Langsam tastete sie mit zittrigen Fingern nach ihrem Handy, das ihr wie ein kleiner Anker im allumspannenden Nichts erschien. Doch die Dunkelheit war undurchdringlich. Nur ihre Gedanken wirbelten durch das Schwarz, unkontrollierbar, wild, ziellos.

Der dumpfe Nachhall des Brummens schien mit jedem Atemzug zu wachsen, während in der Ferne die ersten Sirenen heulten. War sie allein? War jemand sonst hier? Der Raum, ein einst sterile Labor, erinnerte sie jetzt nur noch an ein Gefängnis.

Eine plötzliche Bewegung riss sie aus ihrer Erstarrung – ein Schatten, männlich, der sich langsam auf sie zubewegte, seine Konturen schärften sich durch das schwache Notlicht eines Notausgangs.

„Livia.“ Die Stimme war rau, gefühlskalt, doch unverkennbar. „Du bist am falschen Ort in der falschen Zeit.“

Der Schatten trat näher, und im schwachen Licht erkannte sie sein Gesicht: Henrik Baum, ein alter Bekannter - oder besser gesagt, ein Fragment der Vergangenheit, das nicht schlüssig in ihr zerbrochenes Spiegelbild passte.

„Warum bist du hier?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, behält aber die Kante von Furcht und trotziger Herausforderung.

Henrik zog rasch eine Packung Zigaretten aus der Manteltasche, zündete sich eine an und blies den Rauch langsam aus. Sein Blick war schneidend, schien ihr direkt in die Seele zu bohren.

„Jemand hat dich vermisst – und gesucht. Nicht alle Geschichten, die man über dich erzählt, sind Lügen.“

Livia biss sich auf die Unterlippe, während eine Welle fremder Erinnerungen, bruchstückhaft und verschwommen, vor ihrem inneren Auge auftauchte: ein Lachen, ein Streit, eine flüchtige Berührung.

„Welche Geschichten?“ Ihre Stimme verlangte Antworten, die sich in der Dunkelheit zu verbergen schienen.

Henrik verschränkte die Arme, die Rauchwolken wirbelten um ihn wie Gespenster der Vergangenheit. „Man sagt, du warst gefährlich – eine Jägerin, aber auch die Gejagte. Andere behaupten, du hättest nichts gewusst, dass du nur ein Spielball in einem größeren Plan warst.“

Der Konflikt in seinen Worten zerriss etwas in ihr. Wer war sie wirklich? Die schattenhaften Erinnerungsfetzen pulsierten in ihrem Kopf, zwangen sie fast in die Knie.

„Du hast nie gewollt, dass ich zurückkomme.“ Die Stimme war jetzt ein wütendes Pochen, ein Schritt ins Licht, gegen die Dunkelheit des Vergessens.

Henrik blickte weg, seine Schultern verkrampft. „Und warum bist du jetzt hier?“

Da hörte Livia eine weitere Stimme – leise, fast geisterhaft. Sie kam aus dem hinteren Bereich des Raums, durchdrang die Stille wie ein kleinzerbrochenes Glas.

„Weil ich wissen muss, wer ich bin.“

Langsam trat eine Frau ins dämmrige Licht. Ihr Gesicht war vertraut und doch wie eine Maske, die nur halb verriet, was dahinter steckte.

„Livia.“ Ihre Augen funkelten kalt, doch da war noch etwas anderes. Bedauern? Schuld? „Ich bin Eva. Du kennst mich vielleicht als Freundin, aber auch ich habe meine Geheimnisse.“

Livia starrte sie an, ein Kaleidoskop aus Misstrauen und einem Funken Hoffnung entflammte in ihr. „Warum sollte ich dir trauen?“

Eva lächelte traurig. „Weil wir beide mehr verloren haben, als wir je zurückbekommen werden. Ich kann dir helfen – oder dich zerstören.“

Das Gewicht ihrer Worte hängte schwer in der Luft. Plötzlich schossen Hundert Fragen durch Livias Kopf. Warum war Eva hier? Warum Henrik? Welche Vergangenheit lag dort verborgen in den Nebelschwaden ihrer zerbrochenen Erinnerungen?

Der Raum schien zu schwanken, die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge zerflossen – und mit ihnen wuchs das Gefühl, am Rand eines Abgrunds zu stehen.

„Du bist niemals wirklich allein gewesen, Livia.“ Henrik trat einen Schritt vor, das Licht fing Schatten in seinen Augen. „Aber nicht jeder, der dir nahe war, hatte dein Wohl im Sinn.“

Der Rauch um Henrik verdichtete sich plötzlich, und als die Gestalt verschwamm, hörte Livia noch Evas Stimme, die wie ein Flüstern klang:

„Manchmal schützen die dunkelsten Wahrheiten mehr, als sie verletzen.“

In diesem Moment sank ihr Blick auf einen Gegenstand am Boden – eine verblichene Fotografie, knitterig und doch lebendig. Darauf zu sehen: Livia, lachend und voller Leben, umgeben von Menschen, von denen sie kaum mehr als Namen wusste.

Noch bevor sie das Bild heben konnte, erklang ein lautknallendes Echo hinter ihr. Die Tür zum Raum schlug ruckartig auf, eine neue Präsenz brach herein – kalt, durchdringend, unerbittlich.

Der Blick, der Livia traf, war wie ein Dolch – bekannt und dennoch verhasst.

„Welche Geschichte davon ist wahr? Und welche nur ein Schatten?“

Das Flüstern der Vergangenheit war lauter denn je – und Livia wusste: Die Antwort würde sie entweder befreien oder für immer verschlingen.

Die Dunkelheit schien zu leben.

Und die Gesichter der Vergangenheit traten dichter heran.

Ende Kapitel 10.