NoveliqaVerfeindet bis zum Herzschlag / Nächtliche Enthüllungen :0%
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Chapter 6

Nächtliche Enthüllungen

Kapitel 6: Nächtliche Enthüllungen

Der kalte Hauch der Nacht kroch durch die geöffneten Fensterläden und strich wie eine unsichtbare Ahnung über Linas Schultern. Sie stand regungslos da, den Blick auf die zerlesene Pergamentrolle gerichtet, deren vergilbtes Papier im fahlen Mondlicht fast zu flüstern schien. Ein leises, kaum hörbares Knacken ließ sie zusammenzucken – der Augenblick war zu zerbrechlich, als dass sie sich hätte bewegen wollen.

„Warum?“, flüsterte sie, die Stimme kaum mehr als ein hauchzarter Schatten.

Die Antwort blieb im Dunkel verborgen.

Unwillkürlich zog Lina die Schultern in eine schützende Haltung, während ihr Herz zu schlagen begann – unregelmäßig, wild und so laut, dass sie fast befürchtete, Elias könnte es hören.

„Du hast mich hergeholt“, sagte plötzlich eine tiefe Stimme direkt hinter ihr.

Sie drehte sich um. Elias stand dort, wie ein Schatten, der im schwachen Licht des Korridors zu leben begann. Sein Blick war durchdringend, fast zu nah, als könnte er in ihre Seele blicken.

„Warum gerade jetzt?“ Lina versuchte, die Frage in ihrem Tonfall unerschrocken klingen zu lassen. „Was willst du wirklich?“

Elias‘ Augen verengten sich. „Ich will, dass du die Wahrheit hörst – nicht die ganze, aber genug.“ Er trat näher, und doch spürte Lina eine Mauer, die nicht zu überwinden war.

Ein Windstoß ließ die Pergamentrolle sachte an ihren Füßen tanzen. Lina bückte sich nach vorne, doch Elias hielt sie mit einem leichten, aber bestimmten Griff an der Hand zurück.

„Es ist nicht das, was du denkst“, sagte er leise. „Unsere Herkunft... sie ist komplizierter, als du glaubst. Du und ich – wir sind mehr verbunden, als du dir eingestehen willst.“

Sein Blick war unverhohlen neugierig, suchend, fast flehend. „Ich bin nicht dein Feind, Lina. Nicht wirklich.“

Sie zog die Hand zurück. Das unerwartete Geständnis ließ sie taumeln. Ein Kali schwebte in der Schwebe zwischen Misstrauen und Verlangen, Antworten zu erfahren.

„Dann sag es mir“, verlangte sie, „Warum hast du das Familienerbe hinterrücks versucht zu stehlen? Warum all die Intrigen und das Versteckspiel?“

Elias schloss für einen Moment die Augen. „Weil ich schützen musste, was du zerstörst. Und weil ich ein Geheimnis hüte, das zerbrechen würde – nicht nur unsere Familie, sondern auch alles, wofür wir stehen.“

Sein Blick fixierte die Ferne, als würde er das Unsichtbare sehen. “Als Kind... da gab es etwas, das nie ausgesprochen wurde. Etwas, das die Geschichte unserer Familie verrückt hat.” Er machte eine abrupten Schritt zurück und ließ sie in der Stille zurück.

Lina erkannte, dass sie an einer Klippe stand. Jede Bewegung, jeder Zug der Lippen hätte eine Lawine auslösen können.

„Sag es“, forderte sie ihn erneut auf.

Doch Elias schüttelte nur den Kopf und streckte die Hand zum Mantel aus.

„Nicht jetzt. Nicht hier.“

In diesem Moment fiel ihr Blick auf eine kleine Macke am Knopf seines Mantels – eine verborgene Gravur, winzig, fast unsichtbar im Halbdunkel. Ihre Finger glitten instinktiv dorthin, bevor Elias sie zurückzog.

„Was ist das?“

„Nichts. Nur ein altes Familienzeichen.“ Seine Stimme wirkte gepresst, und ein flüchtiges Zögern schimmerte in seinen Augen.

Lina spürte, dass hinter diesem „Nichts“ eine verborgene Welt lag. Etwas, das Elias absichtlich vor ihr verbarg. Ihr Atem beschleunigte sich, ein brennender Funke in ihr.

„Du verheimlichst mir etwas“, sagte sie, nicht als Vorwurf, sondern als dunkle Gewissheit.

Elias sah sie an, diesmal ohne die gewohnte Maske der Kontrolle. „Vielleicht“, antwortete er knapp, „aber es ist nicht sicher, jetzt darüber zu sprechen. Nicht, wenn du noch nicht bereit bist.“

Der Raum schien schmaler zu werden, der Rauch von gefallenen Versprechen und unausgesprochenen Wahrheiten schwarz und schwer in der Luft.

Lina stemmte die Hände in die Hüften. „Ich brauche mehr. Alles, was du hörst, was du weißt, was du bist. Sonst kann ich dir nicht vertrauen.“

Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann, fast rätselhaft, ein kleines, zum Lächeln gezwungenes Zucken an Elias‘ Lippen.

„Dann treffen wir uns morgen wieder. Dann erfährst du mehr. Ich verspreche es.“

Bevor Lina antworten konnte, ertönte ein leises Klopfen an der Tür. Beide erstarrten.

Gleichzeitig.

Die Konturen eines Geheimnisses, schwerer als Blei, lagen zwischen ihnen wie ein ungesagtes Gesetz. Lina wollte greifen, greifen nach den Fäden der Wahrheit, doch Elias war schneller – er trat zurück in den Schatten.

„Sei vorsichtig, Lina. Nicht jede Wahrheit heilt.“

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine Silhouette erschien im Rahmen.

Und in diesem Moment wusste Lina, dass alles, was sie glaubte, auf dem Spiel stand.

Das Spiel begann gerade erst.

 

[Ende Kapitel 6 – Fortsetzung folgt]