Chapter 4
Kapitel 4 Gefährliche Nähe
Das Klicken verhallte im Atelier, ein bitter kalter Nachhall, der wie ein Messer in Lina Brandts Nacken stach. Die Dunkelheit hüllte sie ein wie ein Tuch aus Nacht, kühl und zugleich erdrückend. Ihr Herz pochte schwer gegen die Rippen, ein dumpfes Trommeln, das jeder vernünftigen Regung zu widersprechen schien.
Lina presste die Hände gegen die Lehne ihres Stuhls, suchte Halt in der Textur des abgewetzten Leders, aber die Schatten verschluckten alles. Nur das schwache Tropfenwasser, das leise von der Fensterscheibe perlte, fand seinen Weg durch die Stille.
Dann bewegte sich etwas.
Ein Schatten schob sich langsam an der Tür vorbei, die nur angelehnt war. Ein kalter Hauch kroch entlang ihres Nackens, als die Tür einen leisen Spalt öffnete und der Raum mit einem schmalen Lichtstrahl durchflutete.
„Du...“ Ihre Stimme war ein Flüstern, zerbrechlich wie ein dünner Ast im Herbstwind.
Elias König trat ein, die Schultern angespannt, der Blick scharf, die Lippen zu einer Linie gepresst. Sein Gesicht, das sie sonst kalt und herrschsüchtig kannte, zeigte jetzt etwas, das ihr Herz stolpern ließ – Überraschung. Oder war es eher Resignation?
„Du bist härternächtig, als ich gedacht habe“, murmelte er und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
Die Dunkelheit wich dem schwachen Schein der Straßenlaternen, der durch das staubige Fenster fiel. Lina sah, wie Elias die Mappe in seiner Hand wie ein Schutzschild hielt.
„Warum bist du hier?“, fragte sie und kämpfte gegen die Welle aus Misstrauen und widerwilliger Neugier an.
Elias trat einen Schritt näher, der Abstand zwischen ihnen schmolz, als wäre es eine unsichtbare Herausforderung. „Weil wir beide verrückt genug sind, um nach der Wahrheit zu suchen.“
Ein bitterer Hauch von Ironie lag in seiner Stimme, doch Lina spürte, wie ihr Puls stieg. Ihre Finger trommelten unwillkürlich gegen den Tisch. „Verrückt oder nicht, ich werde nicht zulassen, dass du mich ausspielst. Wenn du etwas über den Sabotageakt weißt, dann redest du.“
Er lachte leise, trocken. „Ich weiß mehr, als du denkst. Aber wenn du das Ganze verstehen willst, müssen wir zusammenarbeiten. Willst du es wirklich riskieren, dass die Sache uns beide zerreißt?“
Lina schüttelte den Kopf, die Verachtung zuckte in ihren Augen, doch etwas in Elias’ Stimme, irgendetwas Wahrheitssprühendes, ließ den Zweifel keimen – ungefragt, unwillkommen.
„Wo fangen wir an?“
Der Blickkontakt zwischen ihnen war kurz, ein dünner Draht aus Spannung. Elias zog einen USB-Stick aus seiner Tasche und ließ ihn auf den Tisch sinken.
„Hier. Enthält alles, was wir bisher über die Angriffe auf eure Familienfirma wissen.“
Lina schnappte danach, die Kälte des Plastiks schneidend gegen ihre Fingerspitzen. Sie wollte ihm nicht trauen, aber sie wählte die Karte der Verzweiflung.
„Wenn das ein Trick ist...“ Ihre Stimme erstickte im Keim.
Eine Bewegung neben dem Fenster ließ sie beide erstarren. Von draußen schien jemand den Hof zu betreten; das abrupt aufgescheuchte Krächzen einer Krähe zerriss die Nacht.
„Verdammt“, fluchte Elias und spiegelte ihr die Anspannung wider. Ohne einen weiteren Gedanken öffnete er die Tür und verharrte am Rand des Ateliers, bereit, jeden Schatten zu stellen.
Lina folgte ihm, die Luft kalt und schneidend. Gemeinsam bewegten sie sich zum Fenster, sahen eine vermummte Gestalt träge die kleinen Stufen hinaufsteigen – eine Silhouette, die in der Dunkelheit fast mit der Stadt verschmolz.
„Ein Saboteur – und nicht der einzige“, hauchte Elias und schloss die Tür hinter sich.
Das Adrenalin schoss durch Linas Adern wie ein Funkenregen. „Warum kommen diese Angriffe gerade jetzt? Was soll das bewirken?“
Elias zuckte mit den Schultern und sah sie unvermittelt an. „Weil etwas in der Firma bröckelt. Weil jemand will, dass du schwach wirst.“
Ein kalter Schauer zog ihre Wirbelsäule hinab. Wer konnte es sein? Sie wusste, dass sie nicht jedem trauen durfte, schon gar nicht in der Familie.
„Wir haben keine Zeit zu verlieren“, sagte sie und öffnete zugleich die Datei auf dem Stick. Zahlreiche Dokumente flimmerten vor ihren Augen über den Bildschirm.
„Siehst du diese Namen?“ Elias deutete auf eine Liste verdächtiger Mitarbeiter, jede Zeile ein potenzieller Verräter.
„Es gibt mehr als einen Feind in den eigenen Reihen“, murmelte Lina, während ein Knoten aus Misstrauen und Angst in ihr wuchs.
Stunden vergingen, sie kämpften sich durch jede Datei, jeder Hinweis entfachte neue Fragen. Zwischen rasenden Herzschlägen und bitteren Worten entstand eine fragile Allianz, deren einziges Fundament gemeinsames Ziel war.
Doch dann – ein Signal. Eine Telefonnummer, die immer wieder in den verschlüsselten E-Mails auftauchte.
Lina starrte auf den Namen, der mit den letzten Enthüllungen einen Schatten warf: Elias König.
Der Atem schnürte ihr die Brust zu, als sie das Wort kaum auszusprechen wagte. „Elias... Warum taucht deine Nummer hier auf? Das... das bedeutet doch, dass du...“
Sein Blick verlor für einen Moment die Kontrolle, geriet ins Wanken. „Ich...“, begann er, doch dann schüttelte er den Kopf und fuhr sich durch die Haare.
„Das ist kompliziert.“
Lina erwischte eine Faser seiner Wahrheit, aber auch die Mauer aus Geheimnissen, die er vor ihr aufrichtete.
Ein eisiger Wind wehte durch das offene Fenster und spielte mit den Vorhängen, als der Raum von einer neuen Unsicherheit durchdrungen wurde, die alles in Frage stellte.
Elias war nicht nur der Feind, von dem sie Angst gehabt hatte. Vielleicht war er mehr – oder etwas anderes.
„Ich weiß nicht, ob ich dir noch trauen kann“, flüsterte Lina, die Worte schwer auf der Zunge liegend.
Sein Gesicht verzog sich zu einem Ausdruck zwischen Schmerz und Trotz. „Ich habe nie gesagt, dass ich dein Freund bin.“
Das Flüstern hallte nach, als draußen die Nacht lauernd auf sie herabsank.
Und irgendwo, in der Dunkelheit, glitt ein Schatten davon – unentdeckt.
Ein weiterer Herzschlag. Ein weiterer Schlag gegen die Hoffnung.
Der neu entfachte Bund drohte zu zerbrechen – bevor er überhaupt begonnen hatte.