Chapter 3
Kapitel 3 Das Geheimnis im Atelier
Das leise Klicken hallte in Linas Ohren nach. Der alte Schlüssel glitt widerwillig im Schloss, als würde er Jahre des Schweigens in sich tragen. Ihr Herz raste, spürte den staubigen Hauch von etwas Verbotenem. Die Tür öffnete sich langsam, knarrend, und gab den Blick frei auf das Atelier ihres Vaters – jenen Raum, der so viele Jahre verschlossen geblieben war.
Ein Geruch von vergilbtem Pergament und Ölfarben schlug Lina entgegen. Sie trat ein, die Luft war schwer, als hätte sie die Erinnerungen abgesperrt. Sonnenstrahlen fielen durch das hohe Fenster und zeichneten goldene Muster auf den verwitterten Holzboden. Werkbänke standen verstreut, überhäuft mit zerbrochenen Rahmen, verblassten Fotografien und unerklärlichen Skizzen.
Lina ließ ihre Finger über die Oberfläche eines ausgeblichenen Mappenordners gleiten. Ein kalter Schauer kroch ihre Wirbelsäule hoch – hier lagen nicht nur Kunstwerke, sondern Puzzleteile ihrer Geschichte. Tiefe Falten zogen sich in ihre Stirn, während sie einen schweren Stapel lose zusammengehefteter Papiere durchblätterte.
Dort! Alte Rechnungen, Briefe mit verblasster Tinte, kryptische Symbolzeichen – als hätte ihr Vater versucht, seine Arbeit und ein Geheimnis zu verbergen. Lina zog eine Zeichnung hervor, eine menschenähnliche Figur, umhüllt von verschlungenen Linien, fast wie ein Siegel. Neben dem Bild stand in hastiger Schrift: »Vertraue niemandem.«
Ihr Atem stockte. Das war mehr als Kunst. Das war Warnung. Die Schatten im Raum schienen tiefer zu wachsen, als sie langsam eine Metallkassette entdeckte, halb verborgen unter einer losen Dielenplatte. Sie schnappte sie hervor, spürte ihr Gewicht – alt, doch unversehrt.
Ein Kratzen an der Tür ließ sie erstarren. Doch sie war allein. Nur ihr eigener Herzschlag dröhnte in den Ohren. Sie steckte die Kassette in ihre Tasche und wandte sich dem einzigen Möbelstück zu, das ihr noch Hoffnung bot: dem massiven Schreibtisch aus dunklem Holz, hinter dem ihr Vater unzählige Stunden verbracht hatte.
Sie öffnete die Schubladen. Zuerst Papierkram, Notizbücher mit verwischter Schrift, bis sie auf etwas Metallenes stieß – ein kleiner, rostiger Schlüssel, verbunden mit einem dünnen Lederband. Ihr Blick schweifte zu einer schmalen, in die Tischplatte eingelassenen Vertiefung. Hier konnte der Schlüssel passen.
Mit klammen Fingern stach sie hinein und drehte den Schlüssel langsam. Ein verborgener Mechanismus ratterte leise, und ein Fach öffnete sich. Darin lag ein in Leder gebundenes Tagebuch, alt und vergilbt, als hätte es die Jahre in Stille gehütet.
Lina schnappte nach Luft. Ihre Finger zitterten, als sie das Buch aufschlug. Auf dem ersten Blatt war ein einziger Satz geschrieben, mit eisiger Tinte: »Für die, die die Wahrheit suchen – sei bereit, mehr zu verlieren als nur das Licht.«
Ihr Herz schlug so laut, dass es den Raum zu zerreißen schien.
Doch bevor sie weiterblättern konnte, vibrierte ihr Handy mit einer eingehenden Nachricht. Ein Code. Ein rätselhafter Zahlen- und Buchstabensalat, der selbst den Verstand ihrer kunstgeschulten Augen forderte.
»JLN-1947-KT3-RXV«
Die Kälte kroch erneut herauf, dunkel, wissend. Dieser Code – war er der Schlüssel zu der Wahrheit hinter dem Tagebuch? Was verbarg sich zwischen den Zeilen, und wer hatte diese Nachricht geschickt?
Lina stockte der Atem.
Ein eisiges Pochen breitete sich in ihrer Brust aus, während sie das Tagebuch mit Feuer in den Augen umklammerte.
Das Geheimnis ihres Vaters war zum Greifen nah. Doch die Schatten, die es verbergen, schienen lebendiger denn je.
Draußen regnete es leise, das Klopfen der Tropfen auf das alte Glas wie ein Mahnmal.
Dann ertönte plötzlich ein weiteres Klicken – von der anderen Seite des Ateliers.
Jemand war nicht allein.
Der Raum tauchte in Dunkelheit.
Der nächste Herzschlag hielt den Atem an.