Chapter 9
Kapitel 9 Gefährliche Nähe
Die Tür schwang langsam, fast leise, auf – ein mechanisches Flüstern in der drückenden Stille des Ateliers. Emilia stand wie erstarrt, ihre Kehle brannte, als hätte sie gerade einen salzigen Sturm geschluckt. Der Schatten, der sich auf der Lichtung ihrer geteilten Dunkelheit regte, war kein fremder mehr. Er war Viktor Stein.
Sein Blick, intensiv und kalt wie ein zerklüfteter Gletscher, glitt über sie hinweg. Doch diesmal schien ein Flackern darin zu liegen, etwas Unausgesprochenes, fast Zögerndes. Sie spürte den Druck dieser Blicke wie eine unsichtbare Kraft, die ihre Haut prickeln ließ – kein Schmerz, eher ein unerwarteter Funke elektrischer Spannung.
„Ich wusste, dass du hier bist,“ murmelte Viktor, die Stimme tief und rau. Keine Spur von der Dramatik, die Emilia in den letzten Tagen gefürchtet hatte – nur ein nüchternes Statement, das mehr verletzte als jedes laute Wort es vermochte.
Emilia schluckte. Ihre Hände zitterten leicht, aber sie zwang sich, die Schultern zu straffen. „Was willst du, Viktor?“
Er trat einen Schritt vor, die Luft zwischen ihnen schien zu brennen, heiß und knapp vor dem Explodieren. Der Geruch von Lederschuhen auf dem kalten Beton, das leichte Rascheln seines Sakkos – Details, die in ihr Herz wie Pfeile bohrten.
„Das weißt du doch genau,“ sagte er, und seine Stimme senkte sich zu einem Ton, der beinahe weh tat. „Du hast etwas von mir genommen. Etwas, das ich nie zurückbekommen werde.“
Emilias Augen verengten sich, die Brust zog sich zusammen. Es gab keine Ausreden mehr, keine Ausflüchte aus diesem engen Raum, der jetzt ihre Welt zu sein schien. Die Jahre des Schweigens, der Wut und des Schmerzes stürmten heran wie eine Flutwelle, die kurz davor war, alles zu überspülen.
„Ich habe nichts genommen, was mein war“, hauchte sie.
Er lachte bitter, ein Klang, der tief in ihrem Inneren widerhallte, ein Echo ihrer eigenen Verzweiflung. Der Abstand zwischen ihnen schmolz; es waren nicht mehr Meter, sondern Zentimeter. Ein gefährliches Spiel, das mit jedem Herzschlag einen Schritt weiter auf die Klinge zusteuerte.
Ein Windzug ließ den Vorhang am Fenster flüstern – ein fast zärtliches Geräusch, das so gar nicht zu der Spannung zwischen ihnen passte.
Viktor hob die Hand, nicht bedrohlich, sondern fast zögernd, und fuhr ihr eine lose Haarsträhne hinter die Schulter. Die Berührung war überraschend sanft, fast zu sanft für jemanden, der so viel Hass in sich trug.
„Warum tust du das?“ flüsterte Emilia, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch.
„Weil...“ Er kämpfte mit den Worten, die sich in seiner Kehle festsetzten wie Dornen. „Weil ich nicht nur hassen kann. Weil du mich mehr zerstörst, als ich es zulassen will. Und das macht verdammt weh.“
Sein Gesicht kam so nah, dass Emilia den metallischen Geruch seines Parfums roch – Leder und Tabak, rau und männlich. Ihre Körper fanden sich ohne Absprache in einer Kollision aus Hitze und Schmerz, Hass und Verlangen.
Ihre Atemzüge wurden ungeordnet, sie spürte, wie sich das Blut in ihren Adern schneller bewegte. Hände, die eigentlich wehrten, die sich aber zaghaft öffneten gegen die Kraft, die zwischen ihnen knisterte.
„Du bist ein Feind“, flüsterte sie. „Und doch...“
Viktor presste die Lippen aufeinander, als würde er gegen eine Sturmwelle ankämpfen, die alles zu verschlingen drohte. Der Raum schien sich zu drehen, der kalte Betonboden verlor seine Schwere, als wären sie an einem anderen Ort, gefangen in einem Strudel aus unausgesprochenen Worten und brennenden Blicken.
Da, in diesem Moment, an der Grenze zwischen Feindschaft und Nähe, zwischen Hass und Verlangen –
klingelte Viktor plötzlich sein Handy.
Der schrille Ton schnitt wie ein Messer durch die gespenstische Spannung. Angebunden an die Realität, die unerbittlich und kalt war. Viktor zog das Gerät aus der Tasche, die Stirn in tiefe Falten gelegt.
Emilia nutzte den Moment, um einen Schritt zurückzutreten, ihren Herzschlag wild in den Ohren. Die Kluft zwischen ihnen wuchs wieder, doch nichts an dem Raum fühlte sich jetzt sicher an.
Viktor sprach ein paar schnelle Worte, dann blickte er auf, die Augen dunkler als zuvor.
„Ich muss gehen,“ sagte er knapp.
Emilia nickte, unfähig, Worte zu formen. Als er an ihr vorbeiging, spürte sie den Nachhall seiner Nähe wie einen wunden Abdruck auf ihrer Haut.
Die Tür schloss sich hinter ihm mit einem dumpfen Knall.
Eine eisige Stille lag auf dem Raum.
Und in Emilias Brust brannte die Frage wie eine offene Wunde: Was passiert, wenn Hass und Verlangen kollidieren?
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Ende Kapitel 9