Chapter 6
Kapitel 6 Verbale Waffen
Das flackernde Licht der Straßenlaternen schien durch das hohe Fenster auf den kalten Marmorboden des Ausstellungssaals. Emilia stand reglos, die Schultern angespannt, die Hände verkrampft an der kühlen Tischkante. Ihr Herz hämmerte wild wie ein Gefangener im Käfig, während Viktor ihr gegenüber stand, ein Schatten aus Stahl und scharfem Blick.
Sein Lachen, rau und bitter, rollte durch den Raum, zerriss die fragile Stille. „Du glaubst wirklich, du könntest mich so einfach abwimmeln?“ Seine Stimme triefte vor Verachtung, doch darunter lag etwas Dunkleres – eine unergründliche Tiefe, als nähme er jede ihrer Bewegungen persönlich.
Sie schnaubte, spürte das spitze Brennen hinter ihren Augen, als wolle es Tränen gebären, doch keine drängte sich hervor. „Ich wünschte, es wäre so einfach, Viktor. Aber du und ich – wir sind gefangen in einem Spiel, das längst nicht nur Worte umfasst.“
Viktor trat vor, seine Präsenz überwältigend nahe, als wollte er sie mit seiner bloßen Existenz ersticken. „Du kennst die Regeln nicht, Emilia. Du verstehst nicht, was auf dem Spiel steht. Dieses... du und ich – es ist mehr als ein Katz-und-Maus-Spiel. Es ist ein Krieg.“
Ein kalter Schauer kroch ihr den Rücken hinab, begleitet vom dumpfen Pochen in ihren Ohren. Ihre Stimme tastete nach Stärke, doch sie vibrierte vor verletzlicher Wut. „Ein Krieg? Einen Krieg führst du gegen jemanden, den du hasst – aber was ist mit dem, den du liebst? Oder gibt es für dich so etwas nicht?“
Seine Augen funkelten mit einem Schmerz, der wie eine Klinge in ihre Brust schnitt. „Liebeskram interessiert mich nicht, Emilia. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Nur noch Rache. Und du bist der Mittelpunkt all dessen.“
Die Luft zwischen ihnen schien zu knistern, geladen mit unausgesprochenen Wahrheiten, Verachtung und einer brennenden Sehnsucht nach Vergeltung. Emilia atmete tief durch, konzentrierte sich auf den Geschmack von Metall, der sich auf ihrer Zunge breit machte – ihr eigener Nervenkitzel, ihr verborgener Schlachtruf.
„Du verfolgst dein Ziel blind, Viktor. Aber irgendwann einmal musst du innehalten und dich fragen, was genau du zerstörst.“ Ihre Stimme senkte sich zu einem gefährlichen Flüstern. „Nicht nur mich. Sondern dich selbst.“
Er trat noch näher, bis nur noch ein Hauch Raum zwischen ihnen war. „Vielleicht zerstöre ich mich gerade – und vielleicht ist das der Preis, den ich zahlen muss. Aber es wird nichts geben, das mich abhält.«
„Was bringt dich dazu, so zu glauben?“ Emilia spürte, wie ein Funke in ihr aufloderte, ein zu lange unterdrückter Zorn, der plötzlich nach Freiheit verlangte. „Was für ein Geheimnis verbirgt deine Rache so tief in dir? Sag es. Ich habe ein Recht darauf, das zu wissen."
Viktor schwieg einen Atemzug lang. Dann, mit einer Stimme, die nur noch ein Hauch von seinem kalten Äußeren preisgab, sagte er:
„Weil es nicht nur um uns geht, Emilia. Es geht um etwas, das du zerstört hast – ohne es zu wissen. Ein Geheimnis, das deine Vergangenheit mit meiner Familie verwebt. Etwas, das alles verändert.“
Ein eisiges Frösteln jagte über Emilias Rücken. Die Welt schien plötzlich stillzustehen – ein Moment, so schwer, dass nicht einmal ihr pochendes Herz ihn zu übertönen wagte.
„Was... was meinst du? Welches Geheimnis?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch sicher war sie sich nicht mehr.
Sein Blick bohrte sich in ihres wie ein Messer. „Du musst dich erinnern… Oder bereit sein, zu verlieren, was dir am meisten bedeutet.“
Ein dringendes Klopfen an der Tür riss sie aus der lähmenden Stille. Emilia drehte den Kopf langsam, das Adrenalin in ihrem Blut jagte Kopfüber durch jede Faser ihres Körpers.
Der Vorhang zur Wahrheit hob sich – doch welche Abgründe würden darunter ans Licht kommen?
---
Ende Kapitel 6