Chapter 5
Kapitel 5 Der Funke entzündet sich
Das Knirschen der Absätze verhallte abrupt, als wäre die Zeit selbst in der glänzenden Halle der Galerie eingefroren. Emilia spürte, wie sich ihr Herzschlag gegen ihre Rippen hämmert, unregelmäßig, jagend, als wolle es in ihrem Brustkorb ausbrechen. Der kalte Marmorboden reflektierte das gedämpfte Licht der Kronleuchter, warf kleine funkelnde Punkte auf ihr Gesicht, das schweißnass war, obwohl die Luft kühl und trocken schien.
Sie ließ den Blick aus ihren zittrigen Händen emporsteigen und sah ihn—Viktor Stein. Seine dunklen Augen bohrten sich in ihre, scharf wie Splitter aus schwarzem Glas. Ein Hauch von Triumph lag in der Ecke seiner Mundwinkel, doch dahinter glomm etwas anderes, unvorhersehbar. Fast wie… Verrat an seiner eigenen Kälte.
„Du bist gekommen“, sagte er mit einer Stimme, die zugleich schneidend und weich war, eine gefährliche Mischung aus Herausforderung und… etwas, das Emilia nicht greifen konnte.
„Ich habe nicht vor, mich von dir einschüchtern zu lassen“, erwiderte sie, obwohl ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern war, das durch den leeren Raum trug. Sie hielt ihren Blick stand, spürte, wie sich in ihrer Brust ein Funke entzündete—etwas Wildes, das sie nicht hätte benennen wollen. Keine Angst, keine Verzweiflung. Nur brennende, unbändige Energie.
Viktor trat einen Schritt vor. Die Drohung, die er ausstrahlte, schien für einen Moment zu verblassen, als der Abstand zwischen ihnen schrumpfte. Der Geruch nach Leder und kaltem Tabak umhüllte sie, vermischt mit einem kaum wahrnehmbaren Hauch von Zimt, der durch seine Haut in ihre Nasenlöcher kroch. Emilia spürte, wie ihre Sinne überschwemmten, der alles vernebelnde Nebel in ihrer Brust begann zu lichten.
„Du weißt, warum ich hier bin“, murmelte er.
„Was willst du wirklich, Viktor?“ Die Worte entglitten ihr fast, so unfassbar fremd klangen sie in diesem Moment – laut, ehrlich, verletzlich.
Unter der maskehaften Härte seiner Züge blitzte für eine Sekunde Unruhe auf. Dann trat er näher, so nah, dass sie den regulierenden Hauch seines Atems spüren konnte, kalt und trotzdem paradox verlockend.
„Dass du verstehst“, sagte er und seine Stimme senkte sich bewusst, „dass wir mehr gemeinsam haben, als du glauben willst.“
Sein Blick suchte ihren, brannte in sie hinein wie ein glühendes Eisen. Für einen Herzschlag tauchte ein Reflex aus längst verborgener Erinnerung in Emilia auf: zwei Kinder, die in staubigen Straßen rannten, Lachen, das zerbrach, bevor es richtig begonnen hatte. Dunkle Schatten, die ihre Spiele unterbrachen.
„Wir sind keine Feinde, Emilia. Nicht wirklich“, flüsterte er.
Sie wollte sich abwenden, dem süßen Gift dieser Worte entkommen. Doch ihre Füße schienen verwurzelt, der Raum um sie herum schwankte mit einer gefährlichen Verlockung.
„Warum tust du dir das an?“ fragte sie atemlos. „Warum diese Spiele?“
Seine Brust hob sich schwer, seine Züge entgleisten kurz, als würde er gegen eine unsichtbare Wand schlagen. „Weil es weh tut. Weil es uns schmerzt. Weil wir Antworten brauchen. Und niemand gehört mehr zu uns als du.“
Sein Lächeln war jetzt weich, fast zerbrechlich. Ein Flammenmeer tobte in ihr auf, gleichzeitig erfüllt von Verwirrung und einem kaum erklärbaren Verlangen. Emilia spürte, wie sich tief in ihr eine Grenze verschob, der Abgrund zwischen Hass und etwas anderem, Unbekanntem.
Sie trat einen Schritt zurück, nahm die Distanz wieder ein – wollte klarmachen, dass nichts hier sicher war. Doch der Schmerz in ihren Worten war echt.
„Wenn das wahr ist, dann ist alles verloren, Viktor. Für uns beide.“
Er zog die Schultern gerade, seine Stimme wurde härter, energischer, doch die Wärme blieb.
„Vielleicht“, sagte er, „aber vielleicht kann genau dieser Funke alles retten.“
Emilia schluckte schwer, Herzrasen. Die Stille zwischen ihnen zog sich wie ein gespanntes Seil. Und für einen kurzen Moment, der wie eine Ewigkeit schien, waren sie keine Gegner. Sondern verlorene Seelen in einem brennenden Labyrinth.
Dann, unerwartet und doch passend, ertönte das leise Surren eines Smartphones.
Ein vibrierendes Signal, das ihre fragile Verbindung zerschnitt.
Viktor blickte auf sein Display, die Maske fiel zurück; der kalte Schatten stürzte wieder über ihn.
„Das hier ist noch nicht vorbei“, sagte er mit bitterem Understatement und drehte sich ruckartig um.
Emilia blieb stehen, die Luft flirrte um sie, Wärme und Kälte rangen in ihrem Körper. Der Funke war entzündet. Etwas zwischen ihnen hatte begonnen zu brennen.
Könnte aus Feinden mehr werden?
Ein Schritt – ein Atemzug – und die Antwort lag in der Schwebe.
Das Echo ihrer auseinandergerissenen Seelen hallte noch lange nach.
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Ende Kapitel 5