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Chapter 9

Das erste Opfer

Kapitel 9: Das erste Opfer

Das dumpfe Pochen in Claras Schläfen glich einem Trommelfeuer, während die letzten Worte wie ein schwerer Schatten zwischen ihnen standen. Ihr Herz raste, rann ihr wie giftiges Feuer durch die Adern, erstickte jede klare Regung. Sie wandte sich hastig um, suchte in den Augen der Anwesenden nach einem Zeichen – einem Funken, der verriet, wer insgeheim mit dem Verrat begann.

Doch niemand bewegte sich. Stille legte sich wie ein kalter Schleier über den Raum. Nur das leise, fast unhörbare Keuchen von Jonas durchbrach das Schweigen.

„Ich... ich fühl’s nicht mehr“, hauchte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, brüchig und voller Panik. Jonas’ Gesicht war blass wie Kreide, und rote Flecken breiteten sich langsam unter seiner Jacke aus.

Clara rutschte auf die Knie, ihr kalter Blick voller Entsetzen heftete sich auf ihn. Ihre Hände zitterten, als sie seine Jacke hochschob, das warme Blut auf ihren Fingerspitzen. Jeder Atemzug des jungen Mannes wurde flacher, angestrengter.

„Jonas!”, presste sie heraus, während ihre Blicke panisch durch den Raum suchten – Verzweiflung und Panik stiegen wie eine Flut in ihr auf.

„Was... was ist passiert?“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm.

Sein Blick war glasig, doch voller Dringlichkeit. „Bitte... Clara...“

Ein Rumpeln an der Tür ließ sie hochschrecken, aber niemand trat ein. Nur die Schatten tanzten länger und bedrohlicher über die Wände.

Clara griff nach ihrem Handy, wählte den Notruf, ihre Finger knisterten. Doch im selben Moment glitt Jonas’ Hand schwach von ihrer, seine Augen halb geschlossen, als kämpfe er sich gegen eine unsichtbare Mauer.

„Wer... hat... dich...“ – seine Stimme brach, ein letzter Versuch, die Wahrheit auszusprechen.

Der Raum schien zu ersticken in der bedrückenden Stille, die sich ausbreitete wie dicker Nebel.

Sein Körper zuckte. „Victor...“ Entwich es ihm oder nur ein Trugbild aus dem Schmerz?

Claras Herz schlug aus der Brust. „Was?“ Ihr Atem war kurz, heiser. „Sag es mir, bitte!“

Doch seine Zunge bewegte sich kaum, nur ein schwaches Flüstern folgte: „Nein... nicht... Victor...“ Die letzten Silben sanken wie ein dunkler Tropfen zwischen ihr und Jonas.

Das Flüstern wurde von einem leisen Knacken unterbrochen, Jonas’ Augen fassten sich nicht mehr. Seine Hand ließ gänzlich los, fiel schwer.

„Nein!“ Clara riss ihn an sich, legte den Kopf in die Kniekehle des sterbenden Jungen.

Tränen bahnten sich bahn, glitten die Wangen herab. Sie war zu spät – zu spät, um ihn zu retten.

Und doch schien etwas in seinem Blick zu brennen – eine letzte Warnung, bevor die Dunkelheit ihn verschlang.

Ein bitterer Geschmack von Verrat schwebte in der Luft, würgte sie fast. Wer würde nun das nächste Opfer sein? Wer hatte tief in ihr Leben gegriffen, um sie zu treffen – nicht nur durch Verrat, sondern durch Tod?

Die Tür schwang auf. Leon stand im Türrahmen, die Augen weit aufgerissen, sein Atem schwer.

„Clara? Was ist passiert?“

Sie wandte sich ihm zu, die Stimme kaum mehr als ein Keuchen. „Jonas... wurde angegriffen... das war kein Unfall... jemand will uns alle zerstören.“

Leon trat an ihre Seite, in der Luft lag die drückende Angst. „Wer? Wer ist das?“

Sie zögerte, dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Er nannte einen Namen... aber es war nicht ganz klar.“

Leon biss sich auf die Lippen, seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Victor?“

Clara schloss die Augen, suchte innerlich nach Klarheit. „Er sagte... Victor war‘s nicht. Etwas – oder jemand anderes. Jemand, der näher ist als wir dachten.“

Ein schweres Schweigen legte sich über den Raum.

Dann, leise, als hätte es niemand gehört, das Flüstern, wie ein eisiger Wind, der durch die Ritzen kroch: „Vertraue niemandem... nicht einmal denen, die du liebst.“

Clara hob den Kopf, der Duft von kaltem Blut mischte sich mit dem schwachen Geruch von Parfum und Büroklimatisierung.

Ein Kribbeln lief ihr den Nacken hinab.

Die Schatten schienen näher zu rücken.

Und die Maske des Verrats begann zu bröckeln.

Das erste Opfer war gefallen.

Doch die tödliche Jagd hatte gerade erst begonnen.

~ Ende Kapitel 9 ~