Chapter 15
Kapitel 15 Gefangen und verloren
Ein pfeifendes Rauschen. Dann das flüchtige Gefühl, zu fallen. Dunkelheit. Clara spürte, wie die Welt um sie herum in Stücke zerbrach, ihre Sinne taumelten zwischen Schmerz und Bewusstsein. Das kalte, harte Gefühl von Stein berührte ihre Wangen. Sie schlug die Augen auf – oder zumindest versuchte sie es. Die Welt schwankte, verschwamm zu einem unscharfen Gemisch aus Schatten und Licht.
Der dumpfe Klang von Schritten hallte durch einen langen Gang, dessen Wände in einem düsteren Grau leuchteten, mit kaum einem Anflug von Tageslicht. Der Geruch von kaltem Metall und Feuchtigkeit kroch in ihre Nase. Jeder Atemzug war ein Kampf, ihre Brust schien wie durch einen unsichtbaren Käfig blockiert.
"Ist sie wach?" Eine Stimme – männlich, scharf wie ein Messer.
Clara wollte reagieren, doch ihre Zunge fühlte sich taub an. Ihr Kopf dröhnte, und die Bilder von Leon, von der Flucht, von der Sorge standen wie eingefroren in ihrem Kopf.
Langsam sah sie eine Gestalt vor sich auftauchen. Perfekt geschnittener Anzug, eine Aura aus kalter Eleganz, Augen wie Eis – Victor Lang. Sein Schatten fiel lang und bedrohlich auf ihren zusammengesunkenen Körper.
„Wie erhofft“, murmelte er mit leisem, gefährlichem Ton. „Du bist zerbrechlicher, als ich dachte.“
Seine Stimme kräuselte sich vor Verachtung, doch in seinen Augen glomm triumphierende Dunkelheit.
Clara versuchte, die Stirn zu runzeln, schaffte es kaum, den Kopf zu heben. Ein Zucken durchfuhr ihre Glieder, als sich die Erinnerung wie kalte Flammen in ihr festkrallte: Leon, der Kampf, die Messer, der Schmerz. Und die hilflose Ohnmacht in ihrem Inneren.
„Wohin hast du mich gebracht?“, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, rau und zerrissen.
Victor beugte sich vor, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. Ein Lächeln, kalt und gnadenlos, spielte um seine Lippen.
„Du bist in Sicherheit – zumindest für den Moment. Aber keine Sorge, Clara…“ Sein Blick wurde schärfer, böser. „Ich kenne dich besser, als du glaubst.“
Ihre Augen weiteten sich, die Muskeln spannten sich an. Ein Schatten kroch über ihr Herz, eine eisige Faust, die langsam ihre Seele umklammerte.
„Deine größte Schwäche“, sagte er mit einem Ton, der das Blut in ihren Adern gefrieren ließ, „ist kein Geheimnis mehr.“
Clara rang nach Atem, während ihre Gedanken rasend jagten. Was meinte er? Welche Fesseln hatte er um ihre Seele gelegt, die sie noch nicht einmal selbst spürte?
Ein kaltes Lachen entwich Victor. „Du kannst es nicht verstecken, nicht vor mir.“
Im Flur hinter ihm hallten Schritte – ein dumpfes Pochen, das wie ein drohendes Gewitter näherkam. Clara wollte schreien, zu rennen, sich zu wehren, doch ihre Glieder waren gefangen, ihr Geist hinter unsichtbaren Mauern.
Victor richtete sich auf, zog eine Aktenmappe aus seiner Jacke und trat einige Schritte zurück. Sein Blick funkelte voller Überlegenheit, doch die Worte, die er jetzt sprach, bohrten sich wie scharfe Nadeln in Claras Verstand.
„Du bist gefangen, Clara. Gefangen in einem Spiel, das du nicht gewinnst.“
Sein Finger zeigte auf sie, fast zärtlich, doch mit tödlicher Sicherheit.
„Und ich werde dir zeigen, wie tief deine Verzweiflung wirklich geht.“
Langsam trat er zurück in die Schatten, seine Augen niemals von ihr abwendend.
Clara spürte das Stechen von Angst und Wut, die sie lähmten und zugleich anspornten. Sie war gefangen – ja. Aber verloren? Niemals. Nicht solange ihr Herz schlug.
Und doch… wie konnte sie kämpfen, wenn Victor ihre dunkelste, verborgenste Schwäche kannte?
Ein Tropfen kalten Schweißes rann ihr die Schläfe hinunter, als die Tür mit einem Knall ins Schloss fiel. Und in diesem Augenblick wusste Clara, dass sie nicht nur gefangen war – sondern auf einem dünnen Grat der Verzweiflung schwebte, der jederzeit zerreißen konnte.
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~ Ende Kapitel 15 ~