Chapter 9
Kapitel 9: Ein geheimes Bündnis
Der Ruf des Knopfes hallte noch nach, doch Lina stand reglos da, die Luft sackte wie bleischwer in ihre Lungen. Ihr Herz schlug nicht mehr – kaum ein Schlag, als wollte es ihr vonseiten des plötzlichen Schocks den Dienst verweigern. Tom stand am Türrahmen, die Hände in den Taschen vergraben, aber seine Augen glitten wie Schatten über ihre Gestalt. Nicht freundlich. Nicht überraschend. Eher wie das stille Versprechen eines Sturms.
„Lina“, begann er, seine Stimme war dünn, irgendwie zu gezügelt. „Wir müssen reden.“
Sie spürte, wie sich ein eisiger Knoten in den Magen zog, harter als alles zuvor. Die Worte blieben ungesagt, aber alles sprach zwischen ihnen: Misstrauen, Angst, und diese schmerzliche Sehnsucht nach einer Wahrheit, die beide umzubringen drohte.
„Jetzt?“, brachte sie knapp heraus. „Oder würde es dir besser passen, die Wahrheit erst morgen zu zerstören?“
Sein Blick verfinsterte sich, und für einen Moment zögerte er. Dann öffnete er die Tür einen Spaltweit, eine Einladung und eine Warnung zugleich.
„Es gibt Dinge, Lina. Dinge, die du wissen musst. Nicht nur über den Mord.“
Vor ihr lag nicht nur ein Gespräch, sondern ein ungewisses Bündnis zwischen ihnen – ein Netz aus Lügen und Wahrheiten, das vielleicht die Macht hatte, beide zu ertränken.
Doch sie griff nach Toms ausgestreckter Hand, Schritt für Schritt getrieben von etwas, das zwischen Vertrauen und Warnung zerriss.
*
Konstantin von Falkenstein saß in seinem dunklen Arbeitszimmer, die Fensterläden halb geschlossen, sodass nur schmale Streifen mondhelles Licht den opulenten Raum durchzogen. Seine Finger trommelten unruhig auf dem schweren Tisch aus Eiche, die Maskerade seiner kühlen Fassade zerbrach hier in winzigen Rissen, die nur ein geschultes Auge erkennen konnte.
Die Tür öffnete sich mit einem kaum hörbaren Knarren. Eine schlanke Gestalt schritt ein – eine Frau, so unerwartet wie ein Schatten im Sonnenlicht, gekleidet in einen maßgeschneiderten, dunklen Mantel, ihre Augen blitzten listig und kalt.
Konstantin lächelte dünn. „Du bist spät dran. Aber die Zeit spielt kaum eine Rolle, wenn das Richtige vorbereitet wird.“
„Konstantin“, sagte sie, ihre Stimme ein leises Streicheln und zugleich ein Messerstich, „Lina entwächst langsam ihrem Nest. Meinst du, sie ist noch zu kontrollieren?“
Sein Blick verfinsterte sich, als er langsam aufstand und ihr entgegenkam. „Sie darf niemals wissen, wie nahe sie dem Abgrund ist. Nicht bevor wir alle Karten ausgespielt haben.“
Die Frau trat näher, ihre Präsenz füllte den Raum mit einer bedrohlichen Energie. „Du sagst es. Aber ich habe Neuigkeiten. Jemand aus ihrer Vergangenheit – jemand, der mehr Einfluss auf sie hat, als du denkst.“
Ein Moment der Abwesenheit legte sich über Konstantins Miene. Seine Finger krallten sich in die Tischkante, während die scharfen Linien seines Gesichts sich verhärteten. „Wer?“
Sie zog ihr Gesicht in ein spöttisches Grinsen, das keine Freude ausstrahlte. „Das wirst du bald selbst erkennen. Nur solltest du bereit sein. Denn dieser Verbündete könnte nicht nur unsere Pläne durcheinanderbringen – er kann ihr altes Leben zurückholen. Das, was unsere Familie zerstören würde.“
Konstantin schluckte, als hätte sie ihm etwas Giftiges in den Wein gemischt. Er wusste, das Spiel wurde jetzt gefährlich.
*
Zurück im Herrenhaus schloss Lina die Tür hinter sich. Eine kalte Stille kroch aus den Wänden, legte sich wie Frost auf ihr Bewusstsein. Sie fühlte sich zertrennt, in stummen Scherben zwischen dem, was sie glaubte, und dem, was tatsächlich war.
Tom setzte sich auf den Stuhl neben dem Fenster, seine Kontur verschmolz mit dem Dunkel der Nacht. „Es gibt jemanden. Jemanden, der schon lange im Hintergrund agiert. Und der deine Vergangenheit kennt – besser als du selbst.“
Die Worte bohrten sich wie Eisnadeln durch Linas Brustkorb.
„Willst du mir wirklich helfen?“, flüsterte sie. „Oder bist du nur ein weiterer Teil von diesem Spiel?“ Ihre Stimme brach zwischen Zweifel und Hoffnung.
Tom sah sie lange an, seine Miene eine Mischung aus Entschlossenheit und Schmerz. „Ich will dich retten, Lina. Aber ich kann es nicht ohne dir die ganze Wahrheit zu erzählen.“
Sie atmete tief ein, und die Schatten in ihrem Geist begannen sich zu formen.
„Dann sag es mir. Wer ist er?“
Ein zögerliches Schweigen lag zwischen ihnen wie ein Graben.
Das Pochen an der Tür ließ beide hochschrecken. Jemand war herein gekommen – oder stand davor, bereit, das Dunkel zu durchbrechen.
Die Frage hing unbeantwortet in der Luft:
Wer ist dieser Verbündete mit Einfluss auf Linas Vergangenheit?
Das Spiel war eröffnet. Das tödliche Erbe entfaltete seine Flügel. Und die Zeit rann wie Blut durch ihre Finger.