Chapter 8
Kapitel 8 Verrat in der Nacht
Das alte Holz knarrte, schien die Stille förmlich zu zerreißen, als Lina die Tür millimeterweise öffnete. Ein kalter Luftzug schlug ihr entgegen – der Geruch von abgestandenem Rauch und einem Hauch Lavendel, der seltsam fehl am Platz wirkte, kroch in ihre Nase. Sie erstarrte, jedes Muskelbündel gespannt, als ihr Blick langsam den halbdunklen Flur entlang huschte.
Der schwache Schein ihres Mobiltelefons, die einzige Lichtquelle, zeichnete vage Konturen von Möbeln und Umrissen an die Wände. Und da — eine Bewegung. Kurz. Flüchtig. Die tief sitzende Angst schlug ihr aufs Herz, als sie hinausschaute.
„Lina?“ Ein Flüstern, raue Stimme, kaum lauter als das Wispern eines Gespensts.
Sie drehte sich fast erschrocken um.
„Tom?“ Ihr bester Freund stand dort, im Schatten vor der geöffneten Tür, seine Augen schienen zu blitzen, blitzten unruhig von einem Punkt zum anderen.
„Du bist spät dran.“ Seine Stimme klang gedrückt, zu zaghaft für die Vertrautheit zwischen ihnen.
Linas Herz raste. Ein kalter Schweiß rann ihr den Rücken herunter. Irgendetwas stimmte nicht. „Was machst du hier?“
Tom trat ins schwache Licht, seine sonst sichere Haltung wirkte gebrochen. „Ich... ich wollte mit dir reden. Alleine.“ Er wich ihrem Blick aus, und in seinen Augen lag eine Mischung aus Schuld und Hilflosigkeit.
„Warum denn erst jetzt? Du hast dich seit Stunden nicht gemeldet. Denkst du wirklich, ich habe nichts bemerkt?“ Ihre Stimme war scharf, beinahe verletzt.
Er seufzte tief, knetete nervös die Hände. „Es ist kompliziert, Lina. Und gefährlich.“
Gefahr… Das Wort hängte in der kalten Luft wie ein schwerer Vorhang. Eine Warnung. Oder eine Drohung?
Lina trat näher, ihre Augen suchten einen Halt in seinem Gesicht, überflogen das Zittern seiner Lippen, die kaum hörbar aneinandergerieben wurden.
„Tom, ich brauche die Wahrheit. Du bist der Einzige, dem ich noch traue in diesem Alptraum.“ Jeder Laut schmeckte bitter auf ihrer Zunge.
Tom sah ihr fest in die Augen. „Du weißt, was auf dem Spiel steht.“ Seine Stimme sickerte wie ein Messer in die Stille. „Ich habe nichts getan, um dich zu verraten. Aber...“
Er schwieg. Lina wagte kaum zu atmen.
„Doch irgendjemand hat uns beobachtet, Lina. Jemand sehr nah.“ Seine Stimme wurde eisig. „Und ich fürchte, dass das Gift nicht nur von außen kommt.“
Ein dumpfes Pochen begann in ihrer Brust. Verrat. Es war wie ein Dolchstich, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Du meinst… einer von uns?“ Ihre Stimme war ein kaum hörbares Flüstern.
Er nickte knapp. „Ich wollte dich schützen, in dem ich die Kontrolle behalte. Aber ich weiß nicht mehr, wem ich trauen kann.“
Ein bitteres Lachen entrann ihr, fast verhöhnt: „Und was ist mit dir, Tom? Bist du sicher, dass du nicht längst zum Feind geworden bist?“
Ein Schatten huschte über sein Gesicht, dann trat er zurück, die Hände in die Hosentaschen vergraben. „Ich habe Fehler gemacht. Fehler, die dich in Gefahr bringen. Aber ich schwöre dir, ich will, dass du das hier überlebst.“
Linas Herz klopfte so laut, dass sie fürchtete, Tom könnte es hören. Die Nähe zwischen ihnen fühlte sich plötzlich erstickend an.
„Du sagst, du willst mich schützen.“ Ihre Stimme klang rau, kaum mehr als ein Knistern. „Aber warum das Schweigen all die Tage? Warum diese heimlichen Treffen und Ausreden?“
Er wich ihrem Blick aus, ein kurzes Zittern seiner Unterlippe verriet mehr als Worte. „Ich kann nicht alles erklären. Nicht jetzt. Es gibt Dinge… Dinge, die so dunkel sind, dass sie selbst mich erschrecken.“
Langsam fühlte Lina, wie sich der Boden unter ihren Füßen zu verschieben begann.
„Dann sag mir wenigstens, ob du auf meiner Seite bist. Oder gegen mich.“ Ihre Stimme zerbrach beinahe an den letzten Worten.
Tom hob die Hände, einen Moment suchten seine Augen nach einem Funken Vertrauen. „Lina… ich werde dich niemals verraten.“
Doch in jenem Moment, als sie glaubte, endlich die Wahrheit zu hören, leuchtete ihr Handy auf. Eine neue Nachricht. Unbekannter Absender.
Sie griff hastig danach, doch Tom holte seine Hand aus der Tasche, bevor sie Lesen konnte.
„Nicht öffnen.“ Seine Stimme brach, ein letztes Warnsignal.
Lina sah ihm in die Augen – war es Furcht? Bedauern? Oder eine Lüge?
Die Schatten in seinem Blick verschmolzen mit den Schatten der Nacht.
Und plötzlich wusste sie: Ob Freund oder Feind – das Misstrauen hatte sich für immer in ihr Herz gegraben.
Ein lautes Klopfen hallte durch den Flur. Jemand war an der Tür. Jemand, der wartete.
Lina drehte sich langsam um.
Die Frage zerschnitt die kalte Nachtluft:
Konnte sie Tom noch trauen?