Chapter 6
Kapitel 6 Konstantins Schatten
Lina stand noch immer reglos im kalten Schein der Abenddämmerung, das Tagebuch wie ein schwerer Stein in ihrer Handfläche. Das Klacken ihrer hochtönigen Atemzüge mischte sich mit dem fernen Rascheln der dicht belaubten Bäume um das Herrenhaus. Jeder Muskel in ihrem Körper war wie erstarrt, und doch fühlte sie die nervöse Erregung, die ihre Haut spannte wie ein dünnes Drahtseil.
Eine drückende Schwere lag in der Luft, als würde das Haus selbst ihr einen finsteren Vorwurf machen.
Der zerstörte Schein vom Bruchteil einer Wahrheit in jenem Tagebuch zerriss mehr als nur das Papier. Es war eine Wunde, roh und pulsierend, an die Lina nicht zurückdenken mocht. Doch wie kann man vor der Wahrheit fliehen, wenn sie in den Schatten jeder Bewegung lauert?
Plötzlich spürte sie eine Präsenz hinter sich. Kein Windhauch, nichts, was ihr von außen hätte verraten können, dass jemand sie beobachtete – und dennoch kroch die Gefahr wie kaltes Wasser ihren Rücken hoch.
Ein Schatten, langgezogen, tastend, bewegte sich elegant durch das Halbdunkel.
„Interessant, wie du dich mit den Geistern deiner Vergangenheit beschäftigst, Lina.“
Die Stimme war ein samtiger Dolch, weich und gleichzeitig messerscharf. Ein Hauch von Ironie durchzog das Flüstern, während Konstantin von Falkenstein aus der Dunkelheit trat.
Sein Blick traf ihren wie ein blendendes Licht, das die tiefsten, verborgenen Winkel ihrer Seele freilegte. Er stand da, eine Statue aus Marmor und Schatten, perfekt gekleidet, die Maske der aristokratischen Ruhe aufgesetzt – und doch blitzte darin etwas durch, das Eiseskälte versprach.
„Ich hätte gedacht, du würdest dir diese alten Geschichten ersparen“, fuhr er fort und schritt langsam näher, jeder Schritt hallte dumpf auf dem Steinboden des Verandasims.
Lina spürte, wie ihr Herz zu schlagen begann, nicht aus Angst, eher aus einer merkwürdigen Mischung aus Trotz und Alarmbereitschaft. Sie konnte den Sturm in seinen Augen lesen – nicht nur Zweifel, sondern eine gefährliche Entschlossenheit.
„Du weißt nicht, in welchem Spiel du dich befindest, Lina“, sagte Konstantin leise, beinahe zärtlich. „Jedes Wort in diesem Tagebuch ist ein Keil, der uns alle auseinanderreißt. Aber du – du hast etwas, das weit darunter liegt. Etwas, das du verzweifelt zu verbergen versuchst.“
Lina ballte die Hände zu Fäusten. „Das spielt keine Rolle. Ich lasse nicht zu, dass du...“
„Ach, du unterschätzt mich“, schnitt er ihr das Wort ab und lächelte, dieses rote, gefährliche Lächeln, das so kalt wirkte wie ein Dolchstoß. „Ich werde alles tun, um dieses Haus, meine Familie zu schützen. Selbst wenn ich dich dafür zerstören muss.“
Seine Stimme wurde zu einem Schleier aus Eis, der sie atemlos machte. Lina spürte, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich.
„Ich wusste, du hattest Angst“, murmelte Konstantin eindringlich. „Angst vor dem, was du bist, und vor dem, was du enthüllen könntest. Aber hab keine Angst, Lina – ich werde der Schatten sein, der dich begleitet, wohin du auch gehst.“
Er hob die Hand, als wollten seine Finger ihre Haut berühren, doch sie zog sich instinktiv zurück.
„Lass mich dir einen Rat geben“, sagte er mit fast väterlicher Strenge. „Lass die Vergangenheit dort, wo sie hingehört. Oder du wirst nicht nur deine Karriere verlieren – sondern vieles mehr.“
Der Wind spielte mit den Blättern, der Duft von Regen lag schwer in der Luft. Lina spürte plötzlich eine seltsame Mischung aus Wut und Panik pulsieren.
„Was willst du von mir?“, fragte sie und streckte die Stimme.
Konstantin lachte leise, ein Geräusch voller Hohn und Bedrohung zugleich.
„Ich will, dass du verschwiegst. Ich will, dass du dich fügst. Denn sonst...“ Er ließ den Satz hängen, sagte nichts mehr.
Doch Lina wusste genau, was es bedeutete.
Der Schatten hinter dem lichten Schein des Herrenhauses war lebendig geworden.
Sie starrten sich an. Kein Wort mehr wurde ausgesprochen, nur der unaufhaltsame Rhythmus ihrer Herzen, die in diesem Moment nicht mehr nur um die Jagd nach Wahrheit schlugen, sondern ums nackte Überleben.
Konstantin drehte sich abrupt um und verschwand wieder in der Dunkelheit des großen Hauses, als wäre er nur ein Geist gewesen.
Lina blieb zurück, Atem flach, Gedanken wirbelnd wie Blätter im Sturm.
Welche finsteren Pläne schmiedet Konstantin gegen sie?
Ein eisiger Windhauch krallte sich in ihr Haar, als die Tür hinter ihr leise ins Schloss fiel.