Chapter 4
Kapitel 4 Vergangenheit trifft Gegenwart
Lina atmete tief ein, den Blick gesenkt, während ihre Fingerspitzen das vergilbte Papier berührten, das sie eben offenbart hatte. Die Liste der Verdächtigen lag vor ihr wie ein versiegeltes Urteil, und doch waren ihre Augen schwerer als jede Last, die sie je getragen hatte.
Draußen riss der Wind an den jahrhundertealten Kastanien, peitschte Blätter gegen die Fenster und füllte den Flur mit einem kalten Wispern. Das Heulen klang wie ein Vorbote für das, was gleich folgen würde. Das zerbrechliche Schweigen im Raum zersplitterte in tausend zerklüftete Splitter, keiner davon mehr zu ignorieren.
„Wer steht auf der Liste?“ Ihre Stimme war ein kaum hörbares Flüstern – doch in ihr hing das Gewicht von geflohenem Atem, von Furcht und Hoffnung zerrissen zugleich.
Konstantin von Falkenstein trat aus dem Schatten des Kamins, seine Augen dunkel und undurchdringlich. „Die Namen sind vertraut. Und gefährlich.“ Seine Lippen zogen sich zu einer geraden Linie, die keine Schwäche gestattete.
Lina spürte, wie ihr Herz zu einem panischen Trommeln anschwoll. Sie wusste, dass hier etwas war, das tiefer ging – etwas, das nicht nur den Mord betraf, sondern auch ihre eigene Geschichte. Und plötzlich kroch ein bitterer Verdacht in ihr auf.
„Gab es jemals jemanden aus meiner Familie hier?“ Die Frage kam ungeplant, zu plötzlich, klirrte wie eine Glasflasche gegen den Boden.
Konstantin fuhr ihr mit durchdringendem Blick in die Augen. „Du meinst deine Herkunft?“ Seine Stimme war rau, durchdrungen von einem Hauch kalter Warnung. „Jede Familie hat Schatten, Lina. Aber glaubst du wirklich, dass deine Vergangenheit hier rein zufällig auftaucht?“
Sein Blick schien durch sie hindurchzusehen, dunkle Abgründe zu erahnen, die sie selbst nie gewagt hatte zu betreten.
Lina spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Jene verborgenen Verbindungen, die sie all die Jahre vor sich selbst verheimlicht hatte, begannen sich zu formen – wie ein Netz aus geflochtenen Dornen, das langsam und unerbittlich ihren Weg zurück in das Herrenhaus fand.
„Erzähl mir von deiner Mutter“, forderte Konstantin, und seine Stimme wurde zum Befehl.
Sie schluckte, das Bild ihrer Mutter – zerbrechlich, verschlossen, mit Augen, die etwas verbergen wollten – setzte sich scharf vor ihr Gehirn in Szene. Die Briefe, die sie in ihrer Jugend gefunden hatte. Die Andeutungen, die niemand aussprach.
„Sie… wollte nie, dass ich hierher komme. Niemand sollte wissen, wer wir wirklich sind.“ Ihre Stimme bebte, als das Geheimnis schwerer wurde, als all die Jahre der Verdrängung.
„Doch du bist hier.“ Er trat näher, ein Schatten zwischen ihnen. „Das bedeutet, dass mehr Verbindungen existieren, als du dir eingestehen willst.“
Draußen schlug der Sturm gegen die Fenster, als wolle er die Mauern des Herrenhauses zum Einsturz bringen.
Lina spürte ihre Hände zittern. „Ich dachte, ich könnte fliehen. Leben, als wäre ich jemand anderes.“
„Man kann seine Herkunft nicht leugnen,“ sagte Konstantin ruhig, fast bedrohlich. „Und hier, in diesem Haus, werden Geheimnisse zu tödlichen Waffen.“ Er musterte sie scharf. „Du bist kein Zufall hier, Lina. Nicht nur eine Außenstehende, die einen Mord aufklärt.“
Im nächsten Moment knarrte die Holztreppe schwer, und Schritte hallten durch den Flur. Beide drehten sich abrupt um.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen – und im schmalen Spalt erschien eine Gestalt, deren Gesicht im Schein des Kronleuchters nur zur Hälfte sichtbar war.
Ein kaltes Lächeln legte sich auf die Lippen. „Interessant“, murmelte die Stimme, „dass die Vergangenheit immer zurückkehrt. Wie ein Schatten, den man nicht abschütteln kann.“
Lina hielt den Atem an. Die Anspannung in der Luft war so greifbar, dass sie förmlich elektrisch knisterte. Das Spiel hinter den prunkvollen Mauern hatte eine neue, düstere Wendung genommen.
War sie wirklich nur eine Außenstehende? Oder war das Herrenhaus längst ein Teil von ihr – tiefer, dunkler, unausweichlich?
Ein kurzer Blickwechsel mit Konstantin verriet, dass auch er keine Antworten darauf geben wollte.
Die Gefahr war kein ferner Blitz mehr. Sie wohnte jetzt in jeder Ecke, in jedem Blick. Und Lina wusste: Der Tod war nur der Anfang.
Der Schatten hinter der Tür rückte einen Schritt ins Licht.
Was Lina in diesem Augenblick sah, ließ sie stocken – und die Welt um sie herum für einen Moment stillstehen.